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Krisenexperte warnt: "Wir sitzen in einer Falle"

24.03.2020

Wie sind die aktuellen Krisenmaßnahmen zu bewerten? Wie geht es weiter? Und vor allem: Wann wird das Schlimmste überstanden sein? Solche Fragen stellten wir an Herbert Saurugg, den Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge. Die Antworten des anerkannten Blackout-Experten sind höchst beunruhigend!  

Krisen-Experte Herbert Saurugg: "Das, was wir jetzt sehen, ist erst eine Vorstufe"

Herr Major, wie bewerten Sie das aktuelle Krisenmanagement in Europa, insbesondere in Österreich: Welche Schulnote würden Sie der Regierung geben und sind die ergriffenen Maßnahmen die richtigen?

Ich denke, dass es noch deutlich zu früh ist, weil wir noch gar nicht in der Krise angekommen sind. Das, was wir jetzt sehen, ist erst eine Vorstufe. Die ruhige und klare Kommunikation kommt durchaus gut an und wird auch in anderen Ländern bewundert. Ob die getroffenen Maßnahmen wirklich wirksam sind oder waren, wissen wir wahrscheinlich erst in ein paar Monaten. Eines muss uns aber bereits jetzt klar sein: So wichtig die nun getroffenen Maßnahmen sind, sie tragen nicht wirklich zur Lösung des Problems bei, sondern verschieben dieses nur. Vielleicht haben wir Glück und es gibt wirklich rasch wirksame Medikamente. Aber derzeit gibt es nur einige Hoffnungsschimmer. Ein Krisenmanagement auf europäischer Ebene ist nicht erkennbar. Jedes Mitgliedsland macht seine eigene Sache. Ich fürchte, das wird noch weitreichende Folgen haben.

Wie ist das Verhalten der Bevölkerung sowie jenes der Unternehmen zu beurteilen, die die Versorgung aufrechterhalten, wie eben das Transportgewerbe?

Derzeit funktioniert noch alles hervorragend. Die Bevölkerung agiert Großteils sehr kooperativ. Jene Menschen, die jetzt die Versorgung aufrechterhalten müssen, tun ihr Bestes. Die kurzfristigen Engpässe bei einzelnen Produkten durch eine verstärkte Nachfrage konnten rasch kompensiert werden. Und auch wenn man mal vor einem leeren Regal steht, gibt es noch genug Alternativen. Wir müssen uns jetzt aber einfach darauf einstellen, dass es nicht so weiter gehen wird, wie wir das bisher gewohnt waren: alles im vollen Umfang zu jeder Zeit. Das ist in einer Krise, wie wir sie jetzt erwarten müssen, auch nicht notwendig. Aber wir müssen uns umstellen und unsere Erwartungen an die neue Situation anpassen. Das wird nicht für alle Menschen einfach werden. Aber ich sehe hier keine Alternative, wenn wir hier als Gesellschaft wieder halbwegs unbeschadet herauskommen wollen.

Sie sprechen von weitreichenden Folgen und davon, dass wir uns umstellen müssen. Wird die Situation wirklich noch schlimmer?

Das ist zu befürchten. Denn sobald wir den aktuellen Status, den Lockdown, wieder lockern, werden die Infektionszahlen und damit auch die schweren Verläufe wieder hochschießen. Wir werden aber den Status quo auch nicht lange aufrechterhalten können, denn dann bricht uns der Rest zusammen. Wir sitzen in einer Falle.

Das mag jetzt unglaublich klingen und ich hoffe, ich irre. Aber leider werden meine Einschätzungen von unterschiedlichen Experten bestätigt, die sich auch mit System- und Komplexitätstheorien beschäftigen. Hinzu kommt die globale Vernetzung. Auch wenn es bei uns gesundheitlich nicht ganz so schlimm kommen sollte, die wirtschaftliche und finanztechnische Vernetzung wird diesen Schock nicht so einfach überstehen. Da wurde eine unglaubliche Kettenreaktion losgetreten. Wir haben bereits nach einer Woche 115.000 oder ein Drittel mehr Arbeitslose also noch im Februar. Auch die Transportbranche wird das sehr bald heftig zu spüren bekommen, wenn das nicht bereits der Fall ist. Wie lange wird das Finanzsystem diesen globalen Schock überstehen?

Was sind generell die größten Gefahren, die womöglich auf uns zukommen?

Es wurde jetzt eine sprichwörtliche Kettenreaktion in Gang gesetzt, wo niemand abschätzen kann, was da wirklich noch alles passieren wird. Ein Horror wäre jetzt natürlich ein zusätzliches Blackout. Das ist schon für sich genommen eine unvorstellbare Katastrophe, die ich auch ohne Pandemie binnen der nächsten fünf Jahre erwartet habe. Aber beides zusammen, da geht einem dann bald die Fantasie aus. Trotzdem ist das für mich ein realistisches Zusatzszenario.

Das Problem ist, dass derzeit der Fokus bei den meisten Akteuren nur auf den kurzfristigen Entwicklungen im Gesundheitsbereich liegt. Das ist wichtig, um die unmittelbar lebensbedrohlichen Schäden zu minimieren und um das Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren. Aber das wird bei Weitem nicht ausreichen, um die erwartbaren und zum Teil noch unbekannten Folgekrisen bewältigen zu können.

Auch wenn wir noch nicht wissen, was alles passieren wird, müssen wir uns darauf einstellen und Handlungsreserven schaffen. Das muss kommuniziert werden. Derzeit wird eher der Eindruck vermittelt, dass, wenn wir alle brav zu Hause bleiben, das Ganze bald vorbei sein wird. Das ist falsch. Man muss jetzt die Menschen auf eine sehr lange Durststrecke vorbereiten, auch wenn man keine Ahnung hat, wie diese genau aussehen wird und wie wir diese bewältigen können. Alles andere ist nur eine Verzögerungstaktik, die wahrscheinlich in einen massiven Vertrauensverlust endet, was wir noch weniger gebrauchen können.

Zum anderen muss uns klar werden, dass uns niemand retten wird können. Wir können das nur selbst tun, indem wir uns gemeinsam eine neue Zukunft aufbauen und uns mit den neuen Gegebenheiten arrangieren. Widerstand ist zwecklos, da es keinen Reset-Schalter gibt. Je früher wir uns darauf einstellen und anpassen, desto eher werden wir wieder Fuß fassen.

Sie als Experte für Blackout-Vorsorge sehen  tatsächlich die Gefahr eines Ausfalls der Stromversorgung? Können Sie das bitte genauer erläutern? 

Ja, leider. Die Energie- und Versorgungsbranche beteuert gerade in zahlreichen Aussendungen, dass sie alles im Griff haben. Ich hoffe, das bleibt auch möglichst lange so. Aber auch hier sprechen wir nicht von einem nationalen, sondern von einem europäischen Verbundsystem, das nur im Ganzen funktioniert. Das bedeutet, das Problem kann ganz woanders auftreten und zu einem europaweiten Strom- und Infrastrukturausfall („Blackout“) führen.

Im Moment mache ich mir aber weniger um das Personal Sorgen. Der sinkende Strombedarf ist viel gefährlicher. Wir sehen bereits jetzt einen Rückgang von 10 bis 20 Prozent. Bis April scheint das noch gut bewältigbar zu sein. Aber dann wird es wirklich heikel, wenn viele konventionelle Kraftwerke nicht mehr gebraucht werden, weil die Fernwärmeauskopplung wegfällt und zu viel Strom aus Wind- und PV-Anlagen zur Verfügung steht. Die Netzbetreiber sind sich der Gefahr bewusst. Die Frage ist, ob die Regulatoren auch Maßnahmen gegen ihre bisherige Linie anordnen werden. Das Problem ist, dass die konventionellen Kraftwerke genauer gesagt deren rotierenden Massen (Generatoren) für die Systemstabilität unverzichtbar sind.

Die Blackout-Gefahr steigt daher. Eine Vorsorge ist mehr denn je erforderlich und wie sich zeigt, kann man mit dieser auch die Folgen der Corona-Krise besser bewältigen. Denn wenn es zu weiteren Eskalationen im Gesundheits- und Pflegebereich kommt, dann wird nur mehr eine dezentrale Selbstorganisation auf Gemeindeebene funktionieren. Auch das wollen viele noch nicht wahrhaben.

Wie ist es um die Lieferketten bestellt? Bis dato kann die Grundversorgung der Bevölkerung, gerade auch dank des Straßengüterverkehrs, aufrecht halten werden. Sehen Sie die Gefahr, dass auch das kippen könnte und die Supermärkte irgendwann leer sein könnten?

Leider ja. Wobei ich jetzt einmal davon ausgehe, dass dann nicht wie bei einem Blackout alles sofort zum Stillstand kommt. Aber wir müssen mit zunehmenden Ausfällen rechnen, weil irgendwo irgendein Teil in der Lieferkette ausfällt. Wir haben eine hoch optimierte und Effizienz-gesteigerte Logistik aufgebaut, die aber kaum mehr über Redundanzen und Rückfallebenen verfügt. Das war „totes Kapital“, das in den vergangenen Jahren in vielen Bereichen eingespart wurde. Siehe etwa beim Österreichischen Bundesheer.

Die meisten Medikamente werden heute in China und Indien produziert und hier werden wir bald einige böse Überraschungen erleben. Indien geht gerade in einen Lockdown. In China bereitet man sich anscheinend auf eine zweite Corona-Infektionswelle vor. Aber auch in Europa selbst wird immer mehr heruntergefahren. Das werden wir aber nicht lange durchhalten. Daher ist es so wichtig, nicht nur Einzelbereiche zu betrachten, sondern das ganze System. Sonst ist die Operation gelungen, aber der Patient trotzdem tot.

Glauben Sie, dass es gelingt, die Situation in den Griff zu bekommen und wenn ja wie lange wird es dauern?

Ob und wie wir die Situation in den Griff bekommen werden, hängt von uns allen ab. Je rascher wir es schaffen, uns auf die neue Situation einzustellen und uns anzupassen, desto schneller kann es gelingen. Aber vielen ist noch nicht klar, dass da vor Kurzem eine Lawine losgetreten wurde, wo wir noch nicht absehen können, wo diese zum Stillstand kommen wird.

All jene, die jetzt nicht unmittelbar für die Bewältigung der aktuellen Probleme gebraucht werden, sollten mal in sich gehen und versuchen zur Ruhe zu kommen und Kraft zu sammeln. Aktionismus bringt jetzt gar nichts. Aus heutiger Sicht werden die sehr dynamischen Entwicklungen noch Monate andauern: Bis man ein Medikament findet, dass zumindest die schweren Verläufe eindämmen kann. Ansonsten kollabiert uns das Gesundheitssystem. Bis eine Impfung für alle zur Verfügung steht, vergehen ein bis zwei Jahre.

Worauf müssen sich die Bevölkerung und die Unternehmen konkret einstellen und was kann man nun als Einzelner tun?

Die Krise ist nicht bis Ostern vorbei, sondern beginnt bis dahin erst richtig. Und was nachher noch alles kommt, ist nicht absehbar. Mit ziemlicher Sicherheit aber keine gewohnte Normalität. Wir müssen die Realität nehmen, wie sie ist.

Zum anderen ist es wichtig, dass sich möglichst viele Menschen zumindest zwei Wochen selbst versorgen können, ohne Einkaufen gehen zu müssen. Das soll jetzt auf keinen Fall auf einmal eingekauft werden, sonst überlasten wir die Logistikketten. Aber es wird dringend Zeit, die Vorräte aufzustocken. Die Menschen sollen aber vorbereitet einkaufen gehen, sonst haben sie dann erst wieder die falschen Dinge zu Hause. Da gibt es Hilfestellungen vom Zivilschutzverband (www.zivilschutzverband.at) oder auch auf meiner Homepage (www.saurugg.net). Und wenn heute nicht genug da ist, dann halt übermorgen nochmals probieren. Aber nicht gleich den Kopf verlieren. Wir dürfen die Logistikketten jetzt auf keinen Fall überfordern.

Auf viele Unternehmen kommen jetzt wohl sehr schwere Zeiten zu. Natürlich auch auf die Bevölkerung. Das kann man eh nicht getrennt betrachten. Wir werden uns neu organisieren und aufstellen müssen. Ich glaube, dass Regionalität und kleinteilige Strukturen eine große Chance sind, um mit solchen Schocks besser umgehen zu können. Unternehmen müssen sich vor allem die Frage stellen, mit welchen Produkten und Dienstleistungen sie jetzt in der Krise und der Folgezeit einen gesellschaftlichen Mehrwert schaffen können. Alles andere wird für längere Zeit keine Relevanz haben. Wir müssen uns alle massiv anpassen und flexibel bleiben. Keine einfache Botschaft.

Wir sollten die bisherigen Denkrahmen und Dogmen als Erstes über Bord werfen. Denn Resilienz bedeutet auch, bisher erfolgreiches aber nun überholtes Wissen und Handeln aufgeben zu können, um Platz für Neues zu schaffen. Denn wie bereits Albert Einstein gesagt hat, kann man Probleme nicht mit derselben Denkweise lösen, mit der sie entstanden sind. Packen wir es an!

Das komplette Interview, in dem Saurugg unter anderem auch erklärt wie wichtig Lkw für die Versorgung sind, was in Österreich in Bezug auf die Corona-Krise falsch gelaufen ist und wie die Welt danach aussehen wird, lesen Sie in der nächsten Print-Ausgabe des STRAGÜ. 

 

Zur Person

Herbert Saurugg ist Experte für die Vorbereitung auf den Ausfall lebenswichtiger Infrastrukturen und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge. www.krisenvorsorge.jetzt Der ehemalige Berufsoffizier betreibt zudem den Blog www.saurugg.net und fordert darin seit Jahren zu einer besseren Vorsorge auf, da die vernetzten Infrastrukturen immer verwundbarer werden. 

Autor/in:
Hans-Jörg Bruckberger
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