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Das Leben glücklich leben

22.06.2021

Nur wenig kann den St. Pöltner Trafikanten Johannes Steindl erschüttern, so scheint es zumindest. Zielstrebig geht er trotz beträchtlicher körperlicher Einschränkung sein Leben an – und es gelingt!

Johannes Steindl sitzt derzeit wie auf Nadeln, so angespannt fühle er sich. „In den kommenden Tagen fällt für mich eine wichtige Entscheidung. Wenn das klappt, bin ich happy“, versucht er das Glück für sich zu programmieren. Denn immerhin habe er schon länger darauf hingearbeitet, und die Zeichen stünden nicht schlecht. „Ich habe mich nach reiflicher Überlegung auf einen anderen Standort beworben, der direkt in meiner Heimatgemeinde ist. Der Trafikant geht in Pension, und ich könnte nachrücken. Wir wären uns in allem einig, jetzt müssen nur noch die anderen wollen“, hofft er inständig. Immerhin müsse er jeden Tag 25 Minuten mit dem Auto nach St. ­Pölten und wieder zurück fahren, was sich dann erübrigte. „Das wäre also auch nachhaltig, wenn man es damit ernst meint“, lächelt er.

Offenheit

Ihm selbst würde es auch Anstrengungen ersparen, denn Johannes Steindl hat mit einer über 80-prozentigen Invalidität zu kämpfen. Da­rüber spricht der Trafikant unverkrampft und offen: „Meine Lunge funktioniert nur noch mit einem Flügel. Der zweite war ursprünglich an Herz und Speiseröhre angewachsen und musste in vielen Operationen abgetrennt werden. Ich war damals drei Jahre alt, als das Ärzte feststellten.“ Immer wieder gäbe es unerwartete Folgekomplikationen wie derzeit. Ein Nerv drückt auf die Stimmbänder. Daher klinge er heiser. Die nächste OP stünde unmittelbar ins Haus.
Die würde allerdings nicht viel Zeit beanspruchen, und er könne sich zudem voll und ganz auf seine Mitarbeiterinnen verlassen, freut sich Johannes Steindl. Seit Kurzem arbeitet sogar sein früherer Lehrling, als er noch für den Lebensmittelkonzern Spar tätig war, wieder bei ihm: „Die ­Manuela ­Sirninger habe ich seinerzeit ausgebildet, und ich freue mich sehr, dass sie jetzt bei mir arbeitet.“

Frau Sirninger lacht über beide Ohren und scheint sich bereits gut eingearbeitet zu haben. Nur in Kassaangelegenheiten fragt sie sicherheitshalber manchmal lieber beim Chef nach. Auch den Stammkund*innen fällt auf, dass sie neu in der Trafik ist, was aber zugleich wohlwollend zur Kenntnis genommen wird.

„Natürlich kann ich die Stammkund*innen nicht mitnehmen. Aber in meinem Heimatort kennen mich halt alle schon lange. Da wäre die Kundschaft auch kein Problem.“ Außerdem hätte die künftige Trafik einen Vorteil: „Die Klostergasse 6/8 liegt in einer Seitengasse der Innenstadt von St. Pölten. Die Einnahmen sind natürlich anders als weiter vorn auf dem Hauptplatz, denn zu uns muss man erst einmal finden“, rechnet Trafikant Steindl realistisch. Trotzdem liefe es gut. Doch wenn man es sich mehrfach verbessern könne, warum nicht, lächelt er verschmitzt.

Corona

Vor allem nach der Corona-Zeit. Da gab es im April ein Einnahmenminus hier im Stadtzentrum von 50 Prozent. „Die Leute blieben aus, waren zu Hause. Wer sollte also bei uns vorbeischauen?“ Das habe sich aber, Gott sei Dank, bald geändert. „Schon im Mai hatten wir sogar ein kleines Plus über dem Vorjahresschnitt zu verzeichnen.“ 

Johannes Steindl erweist sich als guter Geschäftsmann: „Das habe ich von der Pike auf gelernt. Zuletzt war ich Marktleiter bei Spar, später wechselte ich zur Firma ­Höfinger, einem Großhandel und Zulieferbetrieb von Papier- und Schreibwaren für Trafiken. Da erfuhr ich viel und lernte Leute kennen. 
Ein Freund in Amstetten, Engelhart Halmer, hat mir dann mit Informationen zu einer Trafik verholfen. Er ist zugleich Patenonkel meiner Schwägerin, und ich verstehe mich sehr gut mit ihm. Wir beraten einander heute noch. Ich kenne mich nicht nur in geschäftlichen Dingen gut aus, sondern durch die Erfahrung im Großhandel probiere ich in meiner Trafik vieles. Zum Beispiel mit Coffee-to-go oder dem Paketdienst GLS mache ich sehr gute Erfahrungen bezüglich Frequenz. Auch mein Billet-Sortiment kann sich, wie Sie feststellen können, sehen lassen. Dadurch ziehe ich Kund*innen an, die auch anderes mitnehmen. Denn Zeitungen oder Zigaretten allein, das geht gar nicht mehr.“

Unerwartetes

Seine Trafik betreibt Johannes Steindl schon seit fünf Jahren: „2015 habe ich sie vom Vorbesitzer, Gerhard Günter, übernommen. Obwohl sie in einem Neubau untergebracht ist, ist sie eine Traditionstrafik, die es hier, in der Altstadt, bereits über 60 Jahre lang gibt. Ursprünglich lag sie im Nachbarhaus. Nachdem dieses abgerissen und neu erbaut worden war, übersiedelte Herr Günter einfach ein paar ­Meter weiter.“ 

Das hat auch für Johannes Steindl Vorteile, denn: „Ich konnte die Trafik modern und ohne Umbauarbeiten übernehmen. Sogar nach über zehn Jahren ist sie immer noch im Top-Zustand“, freut er sich. „Den Kund*innen war der Wechsel in den Neubau damals egal. Hauptsache die Trafik blieb erhalten. Uns hat sogar Klaus ­Eberhartinger von der EAV einmal gefunden und eingekauft. Das hat mich irrsinnig gefreut.“

Mut

Seine Freizeit verbringt Johannes Steindl gerne mit der Familie. Mit den Söhnen ­Robin (7 Jahre) und André (11 Jahre) fährt er manchmal nach Wien in die Museen, kürzlich zur Mondausstellung ins Naturhistorische. Aber auch Urlaub mit seinen Trafikanten-Kolleg*innen mag er. An die gemeinsame Reise nach Jordanien erinnert er sich gerne zurück.

Freude bereitet Trafikant Steindl aber genauso Fußballspielen mit Freunden. Ohne Einschränkung betreibt er es seit seiner Kindheit: „Meine Mutter hat mich als Kind immer unterstützt. Sie gab mir Mut, einfach zu machen, was ich möchte. So habe ich bis heute keine Angst. Denn wie heißt es ganz allgemein: ‚Zu Tode gefürchtet, ist auch gestorben.‘“

Erstmalig veröffentlicht 2020

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