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Das Leben in vollen Zügen genießen ...

01.07.2021

Auf den ersten Blick würde man ihn eher für einen Fitnesstrainer halten: sportlich, vital, mit freundlichem Blick. Viel positive Energie geht von ihm aus, die auch die Kunden und Kundinnen seiner Trafik im 21. Bezirk schätzen.

Die meisten von ihnen kennt Manfred Pauser seit langem: „Ich versuche mich darauf zu konzentrieren, was meine Kunden wünschen. Sie sollen ins Geschäft kommen und sich gleich willkommen fühlen. Die meisten bleiben ja ihrer Zigarettenmarke treu, da ist es nicht schwer, sich zu erinnern. Bei Lotto, Zeitungen oder Zeitschriften ist das schon anders. Trotzdem trainiere ich mich in die Richtung, mir so vieles wie möglich von jedem Einzelnen zu merken.“

Vertrautes von nebenan

Der persönliche Kontakt zu Kunden motiviert Manfred Pauser: „Ich will körperlich und geistig fit bleiben. Oft fungiere ich fast als Ehetherapeut: Zuerst kommt er und beklagt sich über sie, zehn Minuten später kommt sie und erzählt mir das Gleiche über ihn. Ich höre gerne zu“, lacht Pauser und widmet sich seinem nächsten Kunden, der die Trafik an der Donaufelder Straße / Ecke Fultonstraße im Grätzel Donaufeld betritt. Es wird gescherzt und gelacht, und gleich darauf tritt die Nächste gut gelaunt ein: „Ah, ist das herrlich bei dieser Hitze! Die Klimaanlage ist bei dir immer so angenehm. Das muss man dann ein bisserl genießen“, freut sich Stammkundin Johanna K. „Ohne Klimaanlage würde es gar nicht gehen“, antwortet Trafikant Pauser. „Der Raum ist so klein, und die Schaufensterfront heizt sich auf der Sonnenseite so schnell auf. Mir macht die Hitze generell nicht so viel aus. Aber meine Mitarbeiterin hat sich das gewünscht, und sie hat es bekommen“, erzählt Pauser und legt die richtige Zigarettensorte unaufgefordert auf den Tresen. Ein Lächeln bestätigt die richtige Wahl, und es wird an diesem heißen Juni-Tag Platz für zwei neu Eintretende gemacht. Mehr als vier Personen haben in der Minitrafik keinen Platz. 

Koch und Wirt

Der Umgang mit Menschen bereitet Manfred Pauser sichtlich Freude. „In unserem Wirtshaus in Meidling, dem Gasthaus Pauser, habe ich den Eltern nicht nur zugesehen, sondern fleißig mitgeholfen. Für mich war klar, dass ich später einmal den Betrieb als gelernter Koch übernehmen werde.“ 18 Jahre lang übte Manfred Pauser den Beruf aus. „Irgendwann habe ich mir dann allerdings gedacht, das kann jetzt nicht alles gewesen sein. Tag und Nacht am Herd bei Küchentemperaturen von konstant 40 Grad – und letztlich auch an meinem Familienleben vorbei. Meine kleine Tochter hat mich damals fast nie gesehen.“

Vor elf Jahren sattelte Manfred Pauser dann zum Trafikanten um: „Damit waren die Geschäftszeiten geregelt, und meine Tochter wusste wieder, dass sie einen Vater hat. Heute ist sie 15 Jahre und will mich vielleicht gar nicht so oft sehen“, lacht der Trafikant. Das Geschäft hat er bekommen, weil er von Geburt an eine 50-prozentige Behinderung der rechten Hand hat. Im Alltag merkt man davon nichts. 

Bewegte Zeiten

Die Trafik, für die sich Manfred Pauser entschied, hatte als Floridsdorfer Institution schon eine lange Geschichte hinter sich. Obwohl sie so klein ist, kennt sie jeder. An seine persönliche Gründerzeit im Jahr 2003 denkt Pauser gerne zurück: „Ich stellte die Trafik neu auf. Neben den bei mir gerne gekauften Zigarettensorten, allen voran Chesterfield und Marlboro, gab’s ab nun auf Wunsch auch englische und amerikanische Zeitschriften. Man bestellt sie einfach und holt sie bei mir ab. Gleiches gilt für Bücher, und abgerechnet wird seit damals über ein elektronisches System. Da brauchte ich allerdings auch 14 Tage, bis alles so lief, wie es sein sollte“, bekennt er offen. Damals gab es noch die Bombardier-Fabrik in unmittelbarer Nähe: „Viele Arbeiter waren bei mir Stammkunden. Das hat sich mit den Neubauten auf dem einstigen Areal geändert. Die jungen Familien rauchen weniger. Im Gegenzug ist bei mir die Nachfrage nach Wohnzeitschriften gestiegen“, versuchte er die Lücke auszugleichen. Dieser Trend wird wohl noch einige Jahre andauern, da die ehemaligen Gemüsefelder den einstigen Wiener Gärtnern bereits abgegolten wurden und zu Bauland umgewidmet sind. „Diskutiert wird erneut auch eine Verlegung des Autoverkehrs der Donaufelder Straße unter die Erde. Doch wie soll das gehen, wenn oberhalb die Straßenbahn fährt? Für mich wäre das natürlich eine Katastrophe. Jetzt profitiere ich vom Zuzug neuer Anrainer und den beiden Haltestellen direkt vor meinem Geschäft. Besser kann man es nicht treffen.“ 

Ärger über E-Zigaretten

Am Puls der Zeit ist Manfred Pauser immer. Daher versteht er nicht, weshalb die eigene Interessenvertretung die E-Zigarette für die Trafiken völlig verschlafen hat. „Der Trend geht eindeutig weg von der Tabakzigarette hin in diese Richtung. Ich merke jetzt schon, dass weniger Zigaretten gekauft werden, vor allem hier, wo viele junge Leute zuziehen. Die E-Zigarette ist eine echte Alternative.“ Auch der Preiskampf der Tabakkonzerne stört Manfred Pauser: „Obwohl die Tabaksteuer erhöht wurde, sind die Zigarettenpreise deutlich gefallen. Die Tabakmultis halten das locker noch mehrere Jahre durch. Doch ich als Trafikant bekomme es zu spüren, da meine Gewinnspanne bereits jetzt deutlich gesunken ist.“ Solidarität gäbe es nicht unter allen Trafikanten.

Ein „echter“ Donaufelder

Das Interesse von Manfred Pauser gilt der Trafik und den 95 Prozent Stammkunden, fast durchwegs 50:50 aufgeteilt zwischen Männern und Frauen oder Migranten und Österreichern. Es fällt ihm auf, dass Männer auf Zigarettenpreiserhöhungen deutlich flexibler reagieren als Frauen: „Sie wechseln öfter die Zigarettenmarke. Ein niedrigerer Preis ist für Männer ausschlaggebend. Migranten hingegen sind bei mir sehr treue Kunden. Die teure und starke Marlboro ist für sie ein Statussymbol.“ Mittlerweile ist Manfred Pauser selbst zum „echten“ Donaufelder geworden: „Seit zwei Jahren wohne ich hier, nahe der Alten Donau. Vorher musste ich täglich aus Schwechat pendeln, aber man gewöhnt sich an alles. Jetzt genieße ich im Sommer das Joggen und die vielen Freizeitmöglichkeiten. Und nach Betriebsschluss gönne ich mir oft noch ein köstliches Eis vom Gasthaus Birner und hüpfe in die Alte Donau, um zu schwimmen. Was gibt es Schöneres?“

Erstmalig veröffentlicht im Juni 2014
 

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