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Der Büchertrafikant des Weinviertels

24.06.2021

Hans Sterzinger übernahm seine Trafik 1989 mit einem gewaltigen Schuldenberg. Nachdem er sie allerdings weiterentwickelte, führt er heute einen florierenden Vorzeigebetrieb.

Dass er Trafikant wurde, kam unerwartet: Hans Sterzinger übernahm beinahe über Nacht mit nur 23 Jahren die Verbundtrafik seines Vaters, der plötzlich schwer erkrankt war. Gerade noch rechtzeitig ging es sich aus, dass der Vater dem Sohn die wichtigsten Einzelheiten seines kleinen Imperiums erklären konnte. Auf der einen Seite der Straße befand sich damals die Trafik, inklusive Meinl-Lebensmittel-Franchise, und auf der anderen ein Geschäft mit Papierwaren, Schulbüchern und Geschenk­artikeln. Kurze Zeit später war der Junior auf sich allein gestellt. Dabei wollte Hans Sterzinger eine Ausbildung zum Feinkostkaufmann beginnen. Darauf musste er jetzt verzichten.

Da die Firma Billa eben eine neue Filiale im Zentrum von Wolkersdorf/NÖ in unmittelbarer Nähe zur Trafik mit Feinkost eröffnet hatte, gab es übermächtige Konkurrenz. In den letzten Jahren des Vaters hatte sich ein gewaltiger Schuldenberg aufgebaut, den der Sohn ebenfalls abbauen musste. Die erste Kreditrate wurde fällig. Hans Sterzinger entschied sich für etwas, was nur wenig Trafikanten in seiner Situation in Anspruch nehmen: einen Betriebsberater zu engagieren. „Es war damals für mich die Flucht nach vorn. Ich war darauf angewiesen. Denn ich hatte ja selbst noch keine Erfahrung. Die Geschäfte gingen nicht mehr gut, und der Kredit musste zurückgezahlt werden“, erinnert sich der Trafikant heute.

Umstrukturierung

Nach eingehender Analyse und Beratung entschied sich Sterzinger, das Haus, in dem sich die ursprüngliche Trafik befand, an die Firma Spar zu verkaufen und das Meinl-Franchise aufzugeben. Mit dem Erlös konnte er auf einen Schlag seine Schulden bei der Bank begleichen. Der Jungunternehmer sortierte daraufhin das Vis-à-vis-Geschäft neu und legte seinen Schwerpunkt neben Papier auf Trafik und Schulbuchhandel. „Durch den Verbundbetrieb war es für mich schon vor 2009 möglich, Bücher zu verkaufen, also noch vor dem Trafikrecht. Daher konnte ich mich auch stärker auf den Buchhandel verlegen. Mit den Jahren übernahm ich aus dem nahen Ort Langenzersdorf auch den Online-Bestellservice Bookseller. Vorteil für mich als Trafikant: Es ist ein Barsortiment, was heißt: Ich kooperiere mit dem größten europäischen Buchgroßhändler KNV – Koch, Neff & Volckmar – direkt, und meine Gewinnspanne ist dadurch höher. Ich muss natürlich Online-Systemgebühren bezahlen, was ein anderer Trafikant, wenn er wie üblich über Morawa bestellt, nicht mehr tun muss.“ 

Lange Zeit hatte die Familie ­Sterzinger (Mutter und Ehefrau Irene arbeiteten mit) die Möglichkeit genutzt, in Schulen und Kindergärten Buchausstellungen zu machen. „Das war in der Vorweihnachtszeit schon sehr anstrengend. Da waren es oft 13 Orte, die wir belieferten.“ Der Erfolg gab ihnen allerdings recht: Die Büchernachfrage in Wolkersdorf stieg damit auch bei den Erwachsenen: „Immer öfter kamen Eltern und fragten nach einem Kinderbuch und bestellten auch gleich für sich welche mit. Wir mussten dann allerdings wegen jedem Buch in den 1. Stock laufen und es aus zwei Räumen neben unserer Wohnung herunterholen. Das wurde auf die Dauer ziemlich anstrengend.“

Erfolgskonzept

Wie das Schicksal manchmal spielt, kam die Spar-Filiale wirtschaftlich ins Straucheln, während sich inzwischen die Trafik samt Buchhandel von Herrn Sterzinger erholt hatte: „Ich habe dann das Haus zurückgekauft und mir meine Vorstellung von einer größeren Trafikbuchhandlung erfüllt.“
Schlendert man durch das Geschäft von Herrn Sterzinger, hat man den Eindruck einer absoluten Wohlfühlmeile. Der erste Teil wird als Trafik mit Zeitschriftensortiment für kurze Verweildauer gehalten. Der andere, dekorativ aufgebaute mit Geschenkartikel und Papierbedarf leitet zur Buchhandlung über. Darin findet man neben internationalen Bestsellern eine toll aufgebaute Bücherlinie mit sämtlichen regionalen Literaturgrößen, Krimis, bis zu Reiseführern. Dahinter, dekorativ ins Regal gelegt, wie Hans Sterzinger es jahrelang erfolgreich in seinen Ausstellungen erprobt hat, gibt es dann neben anspruchsvoller österreichischer Literatur, Geschichtsbücher, Sachbücher, Lebenshilferatgeber und ein ganzes Regal voller Regionalkrimis aus Niederösterreich, aber auch Österreich gesamt. Auf der „Lieblingsbank“ darf dann bei einem Automatenkaffee geschmökert werden. „Vor der Vergrößerung habe ich mir wieder einen Betriebsberater geleistet. Von den Anfängen her hat mich das doch positiv geprägt“, erklärt Hans Sterzinger. 

Am 2. November 2017 eröffnete er. Inzwischen ist seine Belegschaft mit zusätzlich zwei Lehrlingen auf insgesamt sieben Personen angewachsen. „Ganz fertig bin ich noch nicht. Hinter der Buchhandlung entsteht ein eigener Veranstaltungsbereich. Der muss erst entsprechend adaptiert werden. Aber wir haben vor Kurzem schon mit den ersten Lesungen begonnen“, freut sich der Trafikbuchhändler.

Zentrumbelebung

Hans Sterzinger engagiert sich nicht nur in seiner Trafik, sondern auch im Verein Wolkersdorfer Wirtschaft. In den letzten Jahren ist der Gruppe eine vorbildliche Zusammensetzung des Altstadtzentrums gelungen. Das Konzept des Verweilen-Wollens steht im bewussten Gegensatz zum Einkaufszentrum am Stadtrand. Nachhaltige Geschäfte mit Bioprodukten, Architektenberatung, Stadtwirtshaus mit Theaterbühne und Gastgarten, Friseur, Kosmetik, Stadtbibliothek und Rathaus bilden den alten Dorfkern. Am Freitag wird ab 14.00 Uhr der frische Gemüse- und Obstmarkt mit Weinverkostungen zum Publikumsmagneten. „Dann wird es hier bunt und sehr lebendig“, weiß Trafikant Sterzinger. 

Er selbst freut sich nach dem Trubel aber aufs Wochenende, an dem er dann mit Ehefrau Irene und deren Berg-erfahrenem Onkel leidenschaftlich gerne in den Nationalpark Hohe Tauern zum Wandern fährt.

Original erschienen 2018

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