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Der letzte Mohikaner

24.06.2021

Aleksandar Marinkovic sieht seine Trafik als letzten ­Kommunikationsort des Grätzls. Kaffeehäuser und Wirtshäuser mussten schließen. Seine Kunden hingegen halten ihm die Treue.

Aleksandar Marinkovic hatte es anfangs wirklich nicht leicht gehabt. Weder mit seiner Mutter noch mit Herrn Dr. Koreska von der Monopolverwaltung. Denn bereits als Kind hatte er den Berufswunsch, einmal Trafikant zu werden. Mit 17 Jahren schritt der junge Mann dann zur Tat: „Der Jurist der Monopolverwaltung, der auch die Trafiken zuordnete, sah mich mit großen Augen an. Er war vorerst skeptisch, weil ich so jung war und gleich eine eigene Trafik wollte. Als ich mich aber nicht davon abbringen ließ, verordnete er mir ein Bündel an Schulungen.“ Aber damit war die Sache noch nicht gelaufen. Herr Marinkovic besaß zwar viel Leidenschaft für die künftige Sache, doch vorerst keine Berufserfahrung. Das ließ auch seine Mutter zögern, als er sie ersuchte, für seinen Kredit mitzubürgen. Die schluckte kräftig, als sie vom benötigten Betrag hörte. „Die einzige, die damals wirklich an mich geglaubt hatten, war die Bank!“, lacht der heute knapp 30-Jährige über seine Anfänge vor fast elf Jahren.

Lieblingstrafik

Aber natürlich ließ ihn auch die Mama nicht hängen. Mit Bauchweh unterstützte sie den Lebenswunsch ihres Sohnes finanziell, war aber schnell beruhigt, als sie sah, mit wie viel Hingabe und nötigem Ernst Aleksandar seiner Aufgabe nachging. „Es ist natürlich anstrengend, jeden Tag zwölf Stunden im Geschäft zu stehen und das als junger Mensch. Während andere noch spätnachts um die Häuser zogen, ging ich nach Hause, um am nächsten Tag wieder halbwegs fit um sechs Uhr meine Trafik aufzusperren.“

Seine Trafik in der Dammstraße 21, im 20. Wiener Gemeindebezirk, kennt ­Aleksandar Marinkovic von Kindheit an. Er wohnte in der Nähe und ging fast jeden Tag an ihr vorbei. „Nach meiner Ausbildung war ich dann auf der Suche nach einem geeigneten Geschäftslokal. Die mir angebotenen begeisterten mich nicht sehr. Ich las dann die Annonce in der Zeitung für meine jetzige, die ich ja kannte. Na, die war’s dann, und ich bereue bisher keinen Tag.“ Dabei ging sie, geführt vom vorherigen Besitzer, ursprünglich gar nicht gut. Der gab sie offensichtlich genau aus diesen Gründen ab. „Sie war zwar optisch super, aber mir wurde schnell klar, dass da irgendetwas nicht stimmte.“ Dass ­Aleksandar Marinkovic sie rasch auf Vordermann brachte und die Umsätze um 40 Prozent steigerte, konnte sein Vorgänger vorerst nicht glauben. Von Kunden erfuhr Herr Marinkovic, dass er sich immer wieder erkundigte.

Schmähführer

Aleksandar Marinkovic hat Spaß mit seinen Kundinnen und Kunden. Viele kommen zu ihm, weil der Schmäh läuft und er immer ein paar nette Worte draufhat. Diese Botschaft gibt er auch Marcel ­Wollner, seinem aktuellen Lehrling, weiter. Offensichtlich war das auch das Geheimnis, warum der Vorbesitzer jahrelang nahezu allein in der Trafik gestanden war. „Ich bin irgendwann nicht mehr hereingekommen, weil ich das Gefühl hatte, er will nicht gestört werden. Weiter vorne ist die Hauptstraße, da ist auch eine Trafik. In die bin ich schließlich gegangen. Aber dann war da an einem Tag ein besonders starker Regen, und ich brauchte Zigaretten. Klar bin ich dann wieder hier hereingegangen, und da war ein Neuer. Ich dachte, der ist aber nett und sicher ein Verkäufer, bis ich erfuhr: Ihm gehört der Laden. Seitdem gehe ich wieder hierher. Der Alte war wirklich sehr mürrisch. Warum sollte ich mir das gefallen lassen? Der Aleks hat das Herz am rechten Fleck“, erzählt die zurückeroberte Stammkundin der Stunde null. Aleksandar Marinkovic freut sich: „Ich weiß noch, welche Zigarettenmarke Sie am Anfang geraucht haben. Ich habe Sie dann beraten und von Smart auf Pall Mall umgestellt!“ Als sie hinausgeht, lächelt sie und schüttelt den Kopf, als könnte sie sich daran gar nicht mehr erinnern.

Praterpate

„Wissen Sie, das ist alles Verkaufspsychologie. Ich lebe von 90 Prozent Stammkunden und -kundinnen. Viele sind zurückgekommen, obwohl wir völlig abseits in einer ruhigen Seitengasse liegen. Man muss in einer Trafik so freundlich wie im Gastgewerbe sein. Beigebracht hat mir das der Peppi Bös, der Besitzer vom ehemaligen Café Bös, das genau gegenüber lag, aber jetzt leider geschlossen wurde. Er hat mir viele Leute vermittelt: ‚Geht’s zum Aleks‘, hat er immer jedem gesagt. Ich bin ihm noch heute sehr dankbar. Herr Bös ging immer im Anzug, und alle achteten ihn. Viele fragten ihn nach Verschiedenem. Er half jedem, wenn er konnte. Er kannte viele und war so etwas wie eine Graue Eminenz. Vor dem Café war der ganze Prater seine Meile. Er sollte das Schweizerhaus übernehmen, aber dann wurde es das Café Bös. Leider verstarb er vor Kurzem.“ 

Familie

Viele seiner Kaffeehausbesucher kamen dann fragend ‚zum Aleks‘, wohin sie jetzt Karten spielen gehen sollten. Fast alle Wirts- und Kaffeehäuser der Umgebung fanden in den letzten Jahren keine Nachbetreiber. Aleksandar Marinkovic kommen da Coffe to go und andere Getränke für die Trafiken gerade recht: „Wir sind wirklich die letzten Nahversorger im Grätzl, wo es für die Leute noch eine Ansprache gibt. Ich bin immer am Samstag den ganzen Tag hier, und viele kommen extra, stellen sich um den Stehtisch herum und tratschen.“ Oft geht es dann auch um die Lieblingsthemen von Herrn Marinkovic: Auto und Sport. Wenn er einmal nicht in der Trafik steht, bildet er Leute in der Selbstverteidigung aus oder repariert Autos aus den 1990ern. „Bei denen kann man vieles noch selbst machen.“

Doch seit Tochter Xenia (1 ½ Jahre) auf der Welt und das zweite Kind unterwegs ist, macht ihm das nicht mehr so viel Spaß wie früher: „Ich möchte doch viel Zeit mit ihr und meiner Frau, einer gebürtigen Ukrainerin, verbringen. Die Trafik reicht gerade für uns aus.“ Herr Marinkovic lebt in dritter Generation in Österreich und fühlt sich auch als solcher. Er spricht vier Sprachen, und mit einem Ferienhaus gibt es zeitweise noch immer einen kleinen Koffer in Belgrad.

Original erschienen 2018

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