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Der Trafiktreffpunkt vor dem Kurbad Bad Vöslau

24.06.2021

Seite sechs Jahren betreibt ein iranisches Ehepaar die Kiosktrafik gegenüber dem Vöslauer Thermalbad. Sie sind gut integriert und wurden zum Mittelpunkt der Umgebung. 

Urlaub in Bad Vöslau bei Wien. Das dachten sich viele Wienerinnen und Wiener vor allem in Zeiten der k. u. k. Monarchie. Auch heute noch gibt es Vöslau-Fans, die zum Baden im kristallklaren Mineralwasser in die großzügige Anlage kommen. Man kann sich sogar während des Schwimmens unter einen sprudelnden Mineralwasserbrunnen setzen und davon trinken. Sonst muss man das Vöslauer Mineralwasser im Supermarkt kaufen. Kamelya Motallebpour und Ehemann Afskin Hashemzadek erzählen mit Stolz von der Besonderheit des Bades. Ihre Trafik liegt gegenüber des Thermalbadeingangs und ist umgeben vom 4*-Hotel Stefanie, der Pension Witzmann und dem ehemaligen Kurhotel, das jetzt Vivea heißt. 

Abmahnung

„Dabei ist es nicht immer leicht, die für den Trafik-Standort geeigneten Artikel auch führen zu dürfen“, lächelt Frau ­Motallebpour matt ihrem Mann zu. „Ich besitze die Trafik jetzt seit sechs Jahren, und in meinen Anfängen ging ich davon aus, dass ich Artikel führen dürfte, wonach mich KundInnen schon öfter gefragt hatten. Also stellte ich vor meinem Geschäft Ständer mit hochwertigen Ledertaschen auf, die ich bloß in Kommission genommen hatte. Prompt bekam ich eine Abmahnung, weil ich solche nicht außerhalb zeigen durfte. Doch ein Badbesuch und der Kauf einer Ledertasche scheinen für viele Gäste zusammenzugehören. Es erinnert sie oft an ihre Urlaube in Italien, und sie wünschen sich das auch von mir, als einzigem Geschäft ums Bad herum.“ Jetzt führt sie einzelne Modelle im Trafikinneren. Potenzielle KundInnen können so für die Trafik aber nicht angeworben werden. „Dabei wird unsere Handelsspanne auf Rauchwaren, Lotterie und Parkscheine immer geringer. Wir brauchen die Nebenartikel, um überleben zu können. Und der Verkauf von ein paar Cola-Dosen macht noch keinen Gewinn. Souvenir-Artikel sollen uns jetzt helfen.“

Kundenwünsche

Der Trafikkiosk befindet sich zwischen den Hotels und dem Café Post. Es ist eine gemütliche kleine Verweilmeile mit Busstation davor, wo vormittags noch jeder jeden kennt und gerne beim gebürtigen iranischen Ehepaar vorbeikommt. „Wir freuen uns darüber“, ergänzt auch Afskin Hashemzadek. „Ich arbeite zwar nicht in der Trafik, das machen meine Frau und zwei Mitarbeiterinnen, aber ich schaue oft vorbei und erlebe dabei einiges mit.“ Da können sich je nach Tagesverfassung, wie es scheint, manchmal auch Kleinigkeiten zu mittleren Tragödien hochstilisieren. Wie beispielsweise ein Lottogewinn von zehn Euro mit einem bereits abgelaufenen Schein. „Der Mann, ein Stammkunde übrigens, hatte ihn zu Weihnachten geschenkt bekommen und nicht auf das Ablaufdatum geschaut. Er war schon vier Monate ungültig. Wir haben vor ihm die Lottogesellschaft und einige andere Auskunftsstellen angerufen – ohne Erfolg. Er beharrte darauf und wollte die Trafik nicht verlassen ohne das Geld. Damit endlich Ruhe war, war ich schließlich bereit, ihm seinen Gewinn privat auszulegen. Da hat er dann kapiert und ist gegangen. Mühsam“, lacht Kamelya Motallebpour heute. 

Sir William Charles

Oder ein anderer kam einmal in die Trafik und beharrte auf einer Zeitschrift, die er schon immer bei ihnen gekauft hätte. „Ich wusste, dass ich dieses Magazin nie geführt hatte, rief aber bei Morawa an. Dort erzählte man mir, dass es dieses Magazin bereits seit einiger Zeit gar nicht mehr gebe. So kann sich auch in der Erinnerung mancher Kunden einiges verschieben. Aber wir bemühen uns immer für alle“, hält die Trafikantin ihr Geschäftsmodell hoch.

Wegen eines schweren Nierenleidens kann Frau Motallebpour nicht die ganze Zeit über in der Trafik stehen und ist ihren Mitarbeiterinnen daher sehr dankbar, auch während ihrer langen Ausfälle durch Kuren die Trafik bestens zu betreuen: „Vor allem Frau Elisabeth ist meine rechte Hand. Auf sie kann ich mich voll und ganz verlassen. Ich möchte ihr auch an dieser Stelle dafür danken!“

Und natürlich darf Trafikhund Charly nicht unerwähnt bleiben. Auch seinetwegen kommen Hundefans und kaufen ihre Zigaretten bei Kamelya Motallebpour. Da weckt manchmal ein mitgenommenes Leckerli seine Begeisterung, wie eben von einem vorbeigehenden Passanten, einem ausgewiesenen Fan von Sir William Charles, kurz Charly genannt. Das kam so: „Unser Sohn wollte ihn nach Prinz William nennen. Im Tierschutzhaus sagte man uns, dass das nicht ginge, denn der Hund würde noch gechipt, und da ginge nur ein kurzer Name, auf den er später auch hören müsste. Also wurde Charly daraus.  
Wenn Frauchen wie gerade eben, von einer Kur zurückkommt, weicht er keinen Zentimeter von ihrer Seite. Unbedingt muss er zum Interview ins Café Post mitkommen und liegt selig an ihrer Seite. 

Iranbesuche

Charly freut sich, dass vorerst auch keine Reise in den Iran geplant wird, obwohl die Familie ein- bis zweimal im Jahr die Verwandten in Teheran besucht. „Meine Eltern und Geschwister leben dort.“ Die iranische Hauptstadt ist mit 13 Millionen offiziellen Einwohnern sehr groß. Inoffiziell seien es sogar über 20 Millionen. „Viele leben nicht registriert am Stadtrand. Es sind Bauern, denen ihr Ackerland geraubt wurde. Von Konzernen und dem Staat. Der Iran ist voller Bodenschätze.“ Frau Motallebpour wird nachdenklich. Die kulturellen Unterschiede sind groß, wenn auch in der Stadt weniger als auf dem Land. Ihr Sohn fährt bereits seit fünf Jahren nicht mehr mit zu den Verwandten. Aber das sei eben so, wenn man zwischen zwei Welten lebe. Irgendwo müsse man dann seinen Schwerpunkt haben, und er sei inzwischen mehr Österreicher geworden.

Original erschienen 2018

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