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Die kleine Welt des Walter Read

22.06.2021

Eigentlich wollte Walter Read Dichter werden, flog als Flugbegleiter um die Welt und tauscht seine Erlebnisse jetzt mit Künstlern und einem urbanen Publikum in seiner Trafik aus.

Unterwegs war er überall in der großen, weiten Welt. Dass er eine Trafik im 16. Wiener Gemeindebezirk, in der Wattgasse 4 einmal übernehmen würde, daran hätte er damals allerdings nicht gedacht. Mehrere Jahre nämlich war Walter Read Flugbegleiter für die Lauda Air gewesen: „Zu einer Zeit, als Niki Lauda sie noch selbst leitete. Aber das ist lange her“, erinnert er sich. 

Dass er von dieser Trafik erfuhr, war eher Zufall. Ein Bekannter machte ihn darauf aufmerksam: „Ich habe dann überlegt, wie ich die Finanzierung auf die Beine stellen könnte. Eigenkapital hatte ich damals leider überhaupt nicht. Ich flog zwar durch die Weltgeschichte, konnte in den Stunden des Wartens meine Gedichte schreiben und in einem Buch veröffentlichen, aber verdient hat man bei Lauda nicht viel.“

Wagnis

Nach reichlicher Überlegung entschloss sich Walter Read schließlich, das Wagnis Finanzierung auf sich zu nehmen und ging zu seiner Bank. „Damals war das wirklich noch kein Problem. Allerdings rede ich hier vom Jahr 1994. Ich beriet mich mit dem Mitarbeiter der Bank, legte meinen Masterplan vor und erhielt sofort die Bewilligung. Heute ginge das absolut nicht mehr. Ohne Eigenkapitel erhält niemand etwas.“
Walter Reads Leben war damals minimalistisch. „Ich lebte sehr sparsam, denn ich wollte meinen Kredit so rasch wie möglich zurückzahlen.“ Und das gelang! Trafikant Read konnte seine Schulden vorzeitig tilgen lassen. „Erst dann hatte ich das Gefühl, dass es meine Trafik geworden war“, freut er sich heute noch.

Mit der Übernahme kam es dann für ihn Schlag auf Schlag. Der Ehrgeiz des Trafikanten packte ihn. Das kleine Geschäftslokal von ein paar Quadratmetern sollte auch optisch Anziehungspunkt für die Bewohner der Umgebung werden. Da kam seine Schwester Helga Stoss ins Spiel. Sie bot sich mit geschicktem Händchen als Schaufensterdekorateurin an. „Wir wollten zumindest den Jahreszeiten entsprechend für alle einen kleinen Blickfang abgeben. Ich beobachtete, dass Menschen tatsächlich stehen blieben und sich alles genauer ansahen. Ich kam öfter zu meinem Bruder und setzte einige Ideen um, bis er mich schließlich fragte, ob ich ihn, neben anderen Mitarbeiterinnen, nicht ein wenig beim Verkauf unterstützen wolle. Ich willigte ein.“

Erlebnisse

Erlebt haben die Geschwister in der Trafik schon so einiges. Denn die liegt in einem ehemaligen klassischen Wiener Arbeiterbezirk, der sich in den letzten Jahren einem eklatanten Wandel unterzogen hat. Auch die letzten Fabriken und Großbetriebe im Umfeld wurden geschlossen. Das Publikum veränderte sich rapide durch Neubauten und ebenso in den Altbauten: „Wir sind hier durch die U-Bahn-Anbindung ein modernes, urbanes Zentrum geworden. Die Innenstadt ist von diesem Standort aus näher als andere Bezirke. Das zog neue Bevölkerungsgruppen an: hippe, junge, eher grün angehauchte Bobos (Großstadtbohemiens). Künstler und Künstlerinnen wohnen auch seit ein paar Jahren verstärkt hier. Und die kommen gerne zu Walter Read in die Trafik. Zwar hat er heute viel weniger Zeit für Lyrik. Aber Interesse und Verständnis für Kultur sind bei ihm geblieben. Für ein kleines Schwätzchen mit Erfrischung steht Walter Read daher immer zur Verfügung. 

So auch an einem Tag, wo es im Geschäft plötzlich etwas ungewöhnlich zu riechen begann. Trafikant Read überlegte kurz, dann war’s ihm klar! Die beiden, die bei ihm zuvor Tabakfeinschnitt gekauft, in der Trafik eine Zigarette gedreht und es sich an einem Tischchen gemütlich gemacht hatten, kifften. Dem Tabak hatten sie Cannabis beigemengt! Der Trafikant und seine Schwester lachen darüber. „Ein anderes Mal gab es einen 7-fach-Jackpot. Die Kunden waren so aufgeregt, dass sie in der Trafik über Zahlenfolgen, Spielestrategien, Zufallsgenartoren und was weiß ich noch alles lange philosophierten. Dass hatte zur Folge, dass sie bei mir ein Biergelage abhielten. Hinauswerfen wollte ich sie auch nicht. Aber erlebt habe ich wirklich einiges. Und das seit 25 Jahren!“

Auszeichnung

Dieses Jubiläum veranlasste jetzt die Monopolverwaltung, Herrn Read mit einer Urkunde und einer Medaille auszuzeichnen. „Auch eine Flasche Champagner gab’s dazu!“, freut sich der Trafikant über die Wertschätzung. Dabei war die nicht immer die beste auf beiden Seiten. Der Wechsel in eine größere Trafik einige hundert Meter entfernt auf der Hauptstraße wurde Walter Read kommentarlos nicht bewilligt. Dass der von der Frequenz her bessere Standort vor Kurzem schließen musste, während er sich persönlich um seine Kunden kümmert und bessere Ergebnisse erzielt, ist ihm nach wie vor ein Rätsel. Ebenso, warum man ihm einen Detektiv geschickt hatte, um herauszufinden, ob er nicht unter der Hand Kunden mit Zigaretten beliefere, was verboten ist. 

Familie

Einmal wurde er jedoch von der Monopolverwaltung verwarnt: Als seine 70-jährige Mutter beim Zigarettenverkauf ­einen Teenager nicht nach dem Ausweis fragte. Originell war nur die Beschreibung des Kontrollors: Eine 50-jährige, rothaarige Frau hat verkauft. Die einzige, die sich über diese unrichtige Alterseinschätzung freute, war seine Mutter! Doch wenn der Kontrollor sich hierbei schon um 20 Jahre (!) verschätzte, wie kann man ihr dann den Vorwurf machen, wenn sie sich um zwei Jahre irrte? Aber klar doch, die Ausweispflicht ist einzuhalten, auch von der Mama. Walter Read zahlte die Strafe daher kommentarlos. Viel los ist in der Familie Read immer. „Mit drei Kindern und einer Patchwork-Familie ist das so, und ich mag das.“ Einst hatte der Trafikant auch den Familiennamen seiner neuseeländischen Ehefrau angenommen, von der er seit einigen Jahren getrennt lebt. Die Erziehung der Kinder teilen sie sich jetzt wochenweise. Platz für eine neue Liebe ist auch geblieben: eine Malerin und vor 27 Jahren seine Kollegin bei der Lauda Air. Nach langer Zeit trafen sie einander wieder. Dazu fällt nur ein: Klein ist die Welt.

Original erschienen 2019

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