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Die Trafik im Dorf neben der Großstadt

24.06.2021

Vom Tankstellenpächter zum Trafikanten: Alexander Fritsch betreibt in seinem zweiten Berufsstart die Trafik im Ort Bisamberg – und das sehr erfolgreich. 

"Papa!, das nehm’ i a noch mit!“, ruft ein Bub seinem Vater zu, der schon fast draußen bei der Trafiktür ist. Der Junior hält ein Micky-Mouse-Heft an sich gedrückt und legt es, nachdem sein Vater zugestimmt hat, auf den Verkaufstisch. Dann dreht sich der Kleine nochmals um: „Und das geht auch noch mit!“ Er greift zielsicher in ein bestimmtes Regal zu „StarWars“ das ihn ebenfalls interessiert hatte. Der junge Vater scheint machtlos gegen die Wünsche seines Sohnes und zückt die Geldbörse. „Na dir geht’s heute gut!“, lacht der Trafikant. Der etwa Achtjährige bedankt sich höflich und verlässt mit seinem Vater die Trafik im Ort Bisamberg, Hauptstraße 24 von Alexander Fritsch, direkt neben dem Schloss. „Wir haben vor Kurzem das Konzept geändert und die Kinderzeitschriften in den Durchgang zur Poststelle gelegt. Die Eltern holen ihre Post ab, und die Kinder bleiben bei den Zeitschriften und schmökern.“
Alexander Fritsch ist noch nicht lange Trafikant. Drei Jahre sind es, und er probiert mit seiner Ehefrau, die die Poststelle betreut, gerne manches aus. „Da es langsam, aber doch weniger RaucherInnen geben wird, muss man sich als Trafikant neue Strategien einfallen lassen. Daher sind wir jetzt auch Postpartner für 3800 Personen am Bisamberg geworden.“

Speckgürtel

„An Einwohnern werden wir immer mehr!“, sagt Ehefrau Rosemarie. Was manchmal gar nicht so leicht ist. Denn bei einigen WienerInnen ließe die Integration hier in Niederösterreich zu wünschen übrig, beklagt sich Alexander Fritsch. Er ist zugleich als Gemeinderat für Wirtschaft und Gewerbe zuständig und hört von KollegInnen diesbezüglich verstärkt Klagen: „Wenn man aus Wien kommt, kennt man andere Strukturen. In Niederösterreich gibt es beispielsweise die Freiwillige Feuer­wehr, die auf Spenden und ehrenamtliche MitarbeiterInnen angewiesen ist. In Wien hingegen ist es eine Berufsfeuerwehr, für die öffentliche Mittel eingesetzt werden. Hier, im dörflichen Speckgürtel vor Wien, sollte man sich auch persönlich einbringen und nach seinen individuellen Möglichkeiten die Gemeinschaft eben auch finanziell unterstützen.“ 

Bisamberg entgingen durch etliche Zweitwohnsitzbesitzer auch Steuern. Sie blieben weiterhin aus unterschiedlichen Gründen in Wien hauptgemeldet, lebten und hätten ihren Dauerwohnsitz allerdings hier. Auch die Immobilienpreise seien in den letzten Jahren astronomisch gestiegen und für die BisambergerInnen kaum noch leistbar geworden. Aber das sei eine andere Geschichte, wie Trafikant Fritsch meint.

BürgerInnennähe

Er selbst und die Gemeinde laden daher seit einigen Jahren zu einem Neubürgerempfang ein. Die AnsprechpartnerInnen in der Gemeinde stellten sich vor, gäben zugleich Servicetipps und stünden für Fragen zur Verfügung. Etwa 100 Personen kämen zu solchen Veranstaltungen. Als Trafikant des Orts wäre er natürlich mit dabei, bemüht sich Herr Fritsch um Zusammenarbeit. Auch bei Schulfragen kenne er sich gut aus: „Ich bin mit der Leitung der Schule gegenüber sehr gut, und wir habe die Weihnachtsinitiative mit 24 Adventfenstern ins Leben gerufen: Die Schulkinder gestalten jährlich alle Fenster, die bis Weihnachten geöffnet werden. Es ist nicht nur eine Belebung der Hauptstraße, sondern macht auch Kindern und Erwachsenen Spaß.“

Spaß macht Rosemarie Fritsch auch die Auswahl des Geschenkartikelsortiments, das in der großzügig gestalteten Trafik sorgfältig drapiert ist. Als Frau Fritsch den Verkaufsraum kurz verlässt, flüstert ihr Mann: „Wissen Sie, meiner Frau fällt da immer etwas Neues ein. Mir ist das schon fast zu viel! Aber wenn ich etwas sage, dann wird sie böse“, zieht Alexander Fritsch im Spaß leicht den Kopf ein. Auch die Auswahl an Geschenkbillets kann sich sehen lassen. Für jeden Anlass findet man das Richtige, darunter auch Kuriositäten wie Glückwunschbillets zur Scheidung. „Anfangs hat uns die Leidenschaft meiner Frau finanziell über Wasser gehalten. Doch jetzt fehlt uns manchmal der Platz, denn wir wollen die Möglichkeiten der Nebenartikel in einer Trafik weiter ausbauen.“

Zukunftspläne

Die Trafik Fritsch ist sehr gut sortiert. Es gibt nicht nur eine große Auswahl an Liquids für Dampfer, sondern es finden sich ebenso Pfeifen- und Naturtabake neben Cigarrenangeboten. „Der Trend geht eindeutig in Richtung Genuss. Genuss rund ums Rauchen. Mit allem, was dazugehört. Ob das Coffee-to-go oder in weiterer Zukunft auch Edel-Spirituosen sein werden. Die Handelsspanne wird dann auch für Trafikanten wieder attraktiv“, malt ­Alexander Fritsch ein positives Zukunftsszenario.

Immerhin konnte er sich auch vor wenigen Jahren noch nicht vorstellen, Trafikant zu sein, nicht mehr 120 Stunden in der Woche, sieben Tage, ohne Feiertag durchzuarbeiten. „Ich war Tankstellen­pächter und zugleich Tankwart. Kaum war ich zu Hause, musste ich auch schon wieder zurückfahren, weil irgendetwas los war. Ich war ständig auf Abruf. Das war elf Jahre hindurch sehr anstrengend. Doch jetzt bin ich glücklich! Ich habe endlich das, was ich mir gewünscht habe.“ Obwohl Alexander Fritsch weiterhin viel Zeit im Gemeinderat und in der Trafik verbringt, bleibt ihm endlich auch mehr Zeit für seine Familie.

Original erschienen 2018

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