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Ein Trafikant als Ermittler

25.06.2021

Trafikant Alfred Friedrich ist ein leidenschaftlicher Motorradfan, der seine Stammkunden immer wieder mit musikalischen Highlights aus seiner Rockmusiksammlung überrascht. Er legte sich auch schon auf die Lauer.

Dass Alfred Friedrich Trafikant ist, würde man auf den ersten Blick nicht vermuten. Vielmehr könnte man ihn mit seiner Haarpracht für den Gitarristen einer Rockband aus den 1980er-Jahren halten. Wenn man ihn darauf anspricht, lacht er und wirft seine Mähne nicht ohne Stolz nach hinten: „Na, das ist gar nicht so weit hergeholt, ich liebe tatsächlich dieses ungezwungene Lebensgefühl der Rockmusik. Zu meinen Favorits zählen da natürlich Deep Purple, Pink Floyd, Black Sabbath, Supermax und viele mehr. Das war schon eine Super-Zeit! Ihre Musik höre ich heute noch. Die ist einfach zeitlos gut!“ 

Herr Friedrich zeigt dabei auf die Künstlerfotografien in seinem Besprechungszimmer, das er neben dem Verkaufsraum seiner Trafik im 2. ­Wiener Gemeindebezirk, Engerthstraße 223 eingerichtet hat. Es erinnert an ein 
erweitertes Wohnzimmer mit repräsentativem Schreibtisch und einem großzügigen Sofa. „Das brauche ich, um mich zwischendurch auszuruhen. Ich bin zwar wieder ganz gut drauf, aber ich möchte auch nichts mehr in meinem Leben übertreiben.“ 

Weiterleben

Dass Trafikant Friedrich noch hinter dem Tresen stehen kann, verdankt er rein dem Zufall. Jahrelang litt er unter starken Schmerzen in der Wirbelsäule, wurde dreimal operiert und musste schließlich seinen Beruf als Radlastenfahrer und Misch­­meister in einem Betonwerk aufgeben. „Eines Nachts wurden die Schmerzen schließlich so stark, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Meine Frau rief die Rettung. Die Ärzte in der Notaufnahme des AKH wollten mir nur eine Spritze geben. Zufällig kam eine junge Ärztin vorbei, sah mich und ließ mich ans EKG anschließen. Inzwischen konnte ich einen meiner Arme nicht mehr spüren. Da kein OP-Saal frei war, wurde ich sofort per Hubschrauber mit akutem Herzinfarkt nach Innsbruck geflogen. Seitdem habe ich drei Beipässe.“ Trotzdem kann ihn weder heute noch konnte ihn damals etwas aus der Ruhe bringen: „Ich dachte mir, wenn es sein will, dann ist es eben soweit. Wenn nicht, mache ich noch lange weiter.“

Aus mit 39 Jahren

Vier Jahre brauchte Alfred Friedrich letztlich, bis sich seine Gesundheit wieder stabilisierte. Inzwischen stand er mit nur 39 Jahren vor der Frage nach der Frühpension. Eine seiner Leidenschaften, das Rauchen, hat er bis zum heutigen Tag nicht abgelegt. Im Gegenteil: Es wurde zur Inspiration. „Meine Frau wollte, dass ich nicht nur so zu Hause herumsitze, sondern etwas mache. Was lag also näher, beides miteinander zu verbinden: Rauchen und Plaudern.“ So blieb es bis heute. Trafikant ist er nun schon seit 17 Jahren. Immer wieder winken während des Gesprächs Kunden zur Tür herein. Fast könnte man meinen, sie bedauerten, dass er heute beschäftigt war.

Wie Alfred Friedrich allerdings zu seiner Trafik kam und seine ersten Jahre dort klingen abenteuerlich: „Den Zuschlag erhielt ich für eine absolute Bruchbude und die Ablöse war unverschämt hoch. In den ersten Jahren verdiente ich nur das, was die Kreditrückzahlung gerade ausmachte. Unglaublich! Meine Frau war glücklicherweise berufstätig und konnte für unsere beiden Kinder und mich sorgen. Sonst wäre das nicht möglich gewesen.“ 

„Kottan“ live

Schwierigkeiten gab es damals auch durch die benachbarte, konkurrierende Trafik mit besserem Standort und Lotto. „Anfangs stand ich zwölf Stunden durchgehend allein im Geschäft. Kunden konnte ich keine übernehmen, da keine da waren.“ Bald stellte sich außerdem heraus, dass das Haus ein Spekulationsobjekt geworden war und Herr Friedrich mit seiner Trafik mittlerweile der einzige noch verbliebene Mieter war. „Der Besitzer wollte das Haus verkaufen, und ich war ihm im Weg. Er bot mir einen so geringen Betrag an, dass ich ablehnen musste. Daraufhin quartierte er obdachlose Menschen im Haus ein.“ Alfred Friedrich ist ein sozialer Trafikant, für den Menschen immer zählen. Er freundete sich mit einigen von ihnen an, aber nur so weit sie seine Trafik in Ruhe ließen. Zwei Einbrüche hintereinander waren ihm schließlich doch zu viel und machten ihn selbst aktiv. Er legte sich auf Verdacht in seiner Trafik einige Nächte auf die Lauer. Tatsächlich hörte er in der Nacht Einbruchsgeräusche und rief die Polizei. „Als sie endlich kam, waren die Einbrecher längst über alle Berge, und ich erlebte wirklich „Kottan live“: Denn plötzlich hörte ich ein Klopfen am straßenseitigen Rollbalken und jemand rief: „Aufmachen! Polizei!“. Wie in einem schlechten Film hob ich den Rollbalken hoch und hatte eine Knarre direkt vor der Nase. Der Polizist stand in angriffsbereiter Stellung, die Waffe immer noch auf mich gerichtet und rief: „Sie sind verhaftet. Was machen Sie da?“ Ich antwortete kurz: „Ich bin der Besitzer und passe hier auf mein Geschäft auf. Die Einbrecher sind schon weg.“

Spekulanten überführt

Wenn es darauf ankommt, kann Alfred Friedrich auch ziemlich hartnäckig werden. Zum Beispiel, als der Hausbesitzer weiterhin nicht locker ließ, ihn aus seiner Trafik zu vertreiben. Letztlich blieb diesem, unter gerichtlicher Androhung des Trafikanten, nichts anderes übrig, als die Grundinfrastrukturkosten einer neuen Trafik und die Übersiedlung zu übernehmen. 

Erfreulicherweise befand sich ein geeignetes Objekt im Nachbarblock. „Seit auch noch die Straßenbahnstation da ist und wir Lotto annehmen dürfen, kann ich mir auch zwei Mitarbeiterinnen leisten.“ Beide zwinkern ihrem Chef zu, und man erkennt gleich, dass es sich hier um ein gut funktionierendes Team handelt. Das lässt Alfred Friedrich auch manchmal freie Fahrt zu seinem großen Hobby: dem Motorradfahren. „Ich habe jetzt eine Suzuki Bandit und eine Suzuki Marauder, die gehen vom Gewicht gerade noch für mich. Meine Honda Gold Wing musste ich leider verkaufen. Sie hatte 400 kg, und die konnte ich mit meinen Beinen nicht mehr halten.“ Früher sei auch noch seine Frau mit ihm mitgefahren. Doch jetzt bliebe sie von seinen Touren lieber zu Hause.
Warum er denn noch fährt? „Ganz einfach: Ich will leben! Nicht vegetieren!“, bricht es aus dem sonst besonnenen, freiheitsbewussten Trafikanten heraus. Ein Lebensgefühl, das er auch allen in den vergangenen Jahren zugezogenen neuen MigrantInnen seines Wiener Grätzels wünscht. 

Original erschienen Anfang 2016

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