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Eine kleine Welt für sich

21.06.2021

Ein kleines Trafikjuwel aus den 1930er-Jahren schmückt den Wiener Bezirk Mariahilf. Auch die Mitarbeiterinnen von Trafikantin Verena Haller könnten bunter nicht sein. Diversität und ein herzlich-wohlwollendes Miteinander werden hier großgeschrieben.

Das historische Portal der Trafik Haller zählt fast schon zu einem der Wahrzeichen der Mariahilfer Straße. Genau genommen: am oberen Ende der Seitengasse Otto-Bauer-Gasse 27, im 6. Wiener Gemeindebezirk. Es sind nur wenige Schritte zur Fußgängerzone. „Dabei wussten wir anfangs überhaupt nicht, wie das werden würde“, erzählt Verena Haller, die Eigentümerin. „Früher war direkt vor unserem Geschäft auch noch eine Ampel. Der Vorteil davon war, dass jeder und jede unsere Trafik vom Rundumblick beim Warten her kannte. Der Nachteil allerdings: dass die riesigen LKWs jedes Mal mit einer gewaltigen Dieselwolke losfuhren und wir in unserer Trafik danach regelrecht eingenebelt waren.“
Verena Haller leitet die Trafik seit dem Jahr 2013. Sie übernahm sie von ihrer Mutter, die seinerzeit von ihrem Trafikanten des Vertrauens erfahren hatte, dass die Trafik in Konkurs gegangen war. Der Vorbesitzer hatte sich finanziell überhoben, weshalb nichts mehr ging. „Meine Mutter hat dann überlegt. Sie hatte durch Behinderung Anspruch auf eine Trafik und schließlich den Entschluss gefasst, es zu wagen.“ 

Eigenverantwortung

Im Herbst 2001 war es dann so weit: Es kam zur Neueröffnung, was sich im Nachhinein als großes Los erwies. „Anfangs waren wir natürlich zögerlich. Mussten alles erst lernen. Doch mit einem Scherzchen auf den Lippen und den geeigneten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern konnten wir nicht nur die Stammkunden von zuvor halten, sondern im Laufe der Zeit neue dazugewinnen. Auch jene des Trafikanten, der uns einst beraten hat und den es mittlerweile nicht mehr gibt. Wir halten hier die Stellung“, lacht Verena Haller und schaut vertrauensvoll zu ihren Mitarbeiterinnen. 
Die Dienstpläne erstellen diese übrigens selbst. Frau Regine wirft dabei ihr wachsames Auge darauf. Sie ist die älteste und erfahrenste und eigentlich seit 2017 in Pension. Dennoch ist die Trafik auch ihr Leben, und sie ist mit 20 Stunden weiterhin mit dabei. Verstärkt wird die Crew noch durch Walee, Dana und den Transgender Peter, der das weibliche Quartett perfekt macht. Frau Regine hat auch noch die Oberhoheit über die Zeitschriften, Bestellungen und die Urlaubsplanung. 

Tierfreundin

Und zu guter Letzt gibt es auch den gutmütigen Trafikhund Mocca, den Verena Haller letztes Jahr aus dem Tierschutzhaus geholt hatte. Benny, der Vorgänger, musste nach 14 Jahren eingeschläfert werden, was natürlich schrecklich war. Ein Tumor war aufgeplatzt. Verena Haller schwor sich, keinen Hund mehr in ihrem Leben haben zu wollen, denn diesen Schmerz wollte sie nicht nochmals ertragen. Doch ein Leben ohne Hund war für die Tierfreundin letztlich keine Option. Aus keinem Hund wurden dann gleich zwei: denn ihre Eltern nahmen auch gleich einen mit. Es waren Tiere aus einer Tötungsstation in Bosnien. Da Mocca zeitweise hinkte, wurde ein Röntgenbild gemacht – darauf zu sehen: ein Projektil. Da dieses bereits in den Schenkelmuskel komplett eingewachsen ist, muss die Hündin leider damit leben. Eine Operation würde mittlerweile größeren Schaden anrichten. 
Verena Haller hebt die Kleine hoch, die gemütlich auf dem Boden liegt und dem Postboten trotz Zurufs keinen Platz in der kleinen Trafik machen will: „Obwohl ich das ja nicht sollte, da ich einen Bandscheibenvorfall hatte.“ Doch die Tierliebe siegt bei der passionierten Reiterin stets. Die Belastung der Bandscheiben wurde schon dabei auf eine harte Probe gestellt. Ein schwerer Reitunfall hatte der heute 37-Jährigen 2011 eine 20-prozentige Behinderung eingebracht. „Den Geruchssinn habe ich seit damals verloren. Das wäre natürlich zu wenig, um eine Trafik aus solch einem Grund übernehmen zu dürfen.“ 

Schockstarre

Verena Haller ist auch für die Trafikantinnen und Trafikanten aktiv. So ist sie in den WKO-Gremien als Obfrau für den Bezirk Mariahilf tätig. „Für Unternehmerinnen und Unternehmer ist die Unterstützung an allen Fronten wichtig“, ist sie überzeugt und setzt sich stets dafür ein, wie sie erzählt. Im letzten Jahr allerdings musste sich die Trafikantin notgedrungen mehr mit privaten Dingen beschäftigen. Ihr Bandscheibenvorfall machte ihr ziemlich zu schaffen. So hatte sie wenigstens Zeit, Italienisch zu lernen und sich mit ihrem neuen Hund zu beschäftigen. 
Und es gab und gibt natürlich immer noch Corona: „Der erste Lockdown hat uns sehr zugesetzt. Wir befanden uns regelrecht in einer Schockstarre. Alle Angestellten in den Büros und im Handel, die für uns sehr wichtig sind, fehlten plötzlich. Wir änderten daraufhin unsere Öffnungszeiten und schlossen nachmittags. Meine Mitarbeiterinnen mussten leider in Kurzarbeit gehen. Wir hatten daher auch über Weihnachten und Silvester geschlossen. Doch seit Anfang 2021 haben wir wieder Normalbetrieb bei den Trafik-Öffnungszeiten. Nur während des weiteren harten Lockdowns war nochmals Kurzarbeit angesagt. Jetzt nicht mehr.“

Schichtwechsel

Es sei eben 2020 das verflixte siebente Jahr gewesen, in dem Verena Haller ihre Trafik leitete. „Was hätte ich mir also anderes davon erwarten sollen?“, lacht die Trafikantin mit Galgenhumor. Plötzlich sieht sie auf die Uhr und wirft Regine und Peter einen erschrockenen Blick zu. Peter setzt sich sofort in Bewegung, stellt einen Pappbecher unter die Kaffeemaschine und drückt deren Knopf. Sofort breitet sich ein woh­liger Geruch in der Trafik aus. „Das muss sein, denn es ist gleich Schichtwechsel, und wenn Mitarbeiterin Walee nicht gleich mit einem duftenden Kaffee begrüßt wird, ist sie den ganzen Tag grantig.“ Wie aufs Stichwort hüpft eine burschikos-dynamische junge Frau die wenigen Stiegen zur Trafik hoch, stellt sich in die Tür und greift danach entspannt zum Kaffeebecher. Jetzt ist allen klar: Der Tag ist gerettet!

Erstmalig veröffentlicht im Sommer 2021

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