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Eine Publizistin als Trafikantin

25.06.2021

Die studierte Publizistin und Politologin Elisabeth Ludwig führte es an den Ort ihrer Kindheit zurück: Mit 29 Jahren übernahm sie die Trafik ihres blinden Vaters.

Die Trafik Ludwig am Sonnbergplatz 6 im 19. Wiener Gemeindebezirk Döbling scheint es immer schon zu geben. Nicht nur für die vielen AnrainerInnen, sondern vor allem für Elisabeth Ludwig. Sie wuchs mehr oder minder in der Trafik auf: „Für mich war sie immer das Zentrum des Familienlebens. Um die Trafik herum spielte sich alles ab. Wir waren oft da, besuchten meinen Vater oder halfen mit. Vieles konnte er nicht selbst machen, denn er war blind. Da war vor allem meine Mutter ziemlich gefordert. Rückblickend bewundere ich sie sehr, Familie und Geschäft trotz solcher Umständen unter einen Hut gebracht zu haben.“

Gelungene Integration

Vater Johann kam als Versehrter aus dem Krieg zurück. Ein Schuss durch das Glas eines Panzerwagens hatte ihm Glasmehl in die Augen gepresst. „Die Diagnose war für ihn natürlich niederschmetternd: mit nur 19 Jahren plötzlich blind zu sein und das für den Rest des Lebens zu bleiben. Aber angesichts der Gräuel, die er erlebt hatte, war er dankbar, mit dem Leben davongekommen zu sein“, erinnert sich Trafikantin Ludwig. „Es war dann fast ein Segen, dass er als Kriegsinvalide eine Trafik übernehmen durfte. Trotzdem er blind war, funktionierte alles tadellos. Es musste nur alles auf dem vorgesehenen Platz liegen. Dann drehte er sich nur um und hatte gezielt eine Packung Jonny in der Hand. Auch mit dem Bargeld hatte er kein Problem. Mein Vater muss ein ziemlich gutes räumliches Vorstellungsvermögen gehabt haben, denn nicht nur im Geschäft, sondern auch in der Wohnung ging er ohne Blindenstock und stieß nirgends an. Da er eine Sonnenbrille trug, sah man auf den ersten Blick gar nicht, dass er blind war.“

Normales Familienleben

Trafikantin Ludwig stand der Vater besonders nahe. „Ich war immer die Vatertochter. Wahrscheinlich auch, weil ich die Jüngste war und er eben viel Zeit mit mir verbrachte. Meine Mutter und meine Schwester kümmerten sich auch um die Trafik, und da blieb oft seine Zeit für mich übrig.“ Kaum zu glauben, aber Hans Ludwig führte ein normales Familienleben: „Man glaubt, dass es mit einem Blinden zusammenzuleben, so viel anders wäre. Ist es aber nicht. Mein Vater brachte mir sogar das Radfahren bei!“
Dennoch hatten Mutter Hilde und Schwester Claudia alle Hände voll zu tun. Das Stammgeschäft war ursprünglich in der Seidengasse, im 7. Wiener Gemeindebezirk, gewesen. Jenes in Döbling kam erst 1971 dazu. Claudia als gelernte Trafikantin sollte einmal die Geschäfte übernehmen. Elisabeth begann daher an der Uni zu studieren: „Als Kind schon blätterte ich alle Zeitschriften durch, was bis heute so geblieben ist. Für mich war klar, Publizistik zu studieren, und meine Lehrerin in der Schule hatte mich dann noch zusätzlich zum Politologiestudium inspiriert.“

Geordnete Finanzen

Die Ernüchterung folgte erst danach: „Wer die Politik hautnah erlebt, ist schnell frustriert. So war das auch bei mir.“ Nach einigen Berufsjahren wechselte sie in die Trafik. Mutter Hilde ging mit 65 Jahren in Pension. „Sie hatte extra länger gearbeitet, damit es sich zeitmäßig so ausging, dass ich mit 29 Jahren die Trafik übernehmen konnte. Mein Vater war inzwischen verstorben und meine Schwester damals mit einem Gutverdiener verheiratet gewesen. Sie durfte aufgrund des Monopolgesetzes die Trafik nicht übernehmen. Ein Umstand, der sie heute noch schmerzt, da sie als Trafikantin ausgebildet ist.“ Aber das Leben ist oft nicht gerecht.

Weil der Mutter Gerechtigkeit zwischen den Töchtern viel bedeutet, musste Elisabeth einen Kredit aufnehmen und die von einem Experten geschätzte Trafik finanziell abgelten. Die Schwester erhielt ihren Teil ausbezahlt. Jetzt ist sie als Mitarbeiterin bei ihr angestellt. „Die genaue finanzielle Aufteilung war auch mir wichtig, damit sich Unstimmigkeiten nicht ins Familienleben hineinziehen. Das fände ich schade“, erklärt Elisabeth Ludwig. Das Trafikantengeschäft ist heute kein einfaches mehr. Dennoch bleibt Frau Ludwig manchmal Zeit für ein kleines Schwätzchen mit den StandlerInnen am Sonnenbergplatz: „Viele kenne ich von Kindheit an. Mit manchen bin ich sogar zur Schule gegangen.“

Plaudern am Genussmarkt

Die Wohnungen aller Familienmitglieder befinden sich in der Nähe zur Trafik. Auch jene der Eltern liegt nicht weit entfernt: „Das hatte natürlich den Nachteil, dass ich als Jugendliche immer und überall im Radius von 500 Metern Bekannte traf. Da war es schon schwer, endlich einmal im Geheimen die erste Zigarette zu rauchen oder ein stilles Plätzchen für den ersten Kuss zu finden“, lacht die leidenschaftliche Raucherin, übrigens die einzige in ihrer Familie.

Bei ihren Gelegenheitsschwätzchen am Markt erfährt sie vieles: „Was ich nicht schon in der Trafik aufgeschnappt habe, höre ich hier. Überhaupt nehmen wir’s in der Trafik mit jeder Meinungsforschung auf. Unsere Prognosen vor einer Wahl entsprechen fast punktgenau den realen Ergebnissen. Das war auch bei der Bundespräsidentenwahl so, denn wir zählen fast 90 Prozent StammkundInnen.“

Geplante Fußgängerzone

Den Sonnbergplatz säumen auf der einen Seite alte Hausfassaden, auf der anderen ein Gemeindebaublock aus den legendären 1920er Jahren. Die Obkirchergasse, die immer wieder für Flohmärkte gesperrt wird, mündet in den beschaulichen Platz dörflicher Prägung: „Die Grünen wollen daraus dauerhaft eine Fußgängerzone machen. Doch wenn niemand mit dem Auto zufahren kann, haben wir jetzt schon schlechte Karten. Trotz Menschenmassen verkaufen wir an solchen Tagen fast nichts.“ Die mangelnden Parkmöglichkeiten am Sonnbergplatz sind jetzt schon verkaufsschädigend: „Ein Kunde bekam doch tatsächlich zweimal ein Strafmandat fürs Falschparken. Folge: Jetzt kauft er seine Zigaretten im Einkaufscenter.“

Promis schauen

Wer gerne Promis schauen möchte, hat mitunter in der Trafik Ludwig dazu Gelegenheit. Im Umfeld wohnen neben vielen anderen Franz Vranitzky oder Niki Lauda: „Lauda kam oft für seine vorherige Frau vorbei und kaufte die Magazine „Gala“ und die „Bunte“. Oder Vranitzky besorgt immer wieder etwas.“

Steht Elisabeth Ludwig allerdings nicht im Geschäft, widmet sie sich ihren Hobbys Lesen und Reisen. Sie liebt die Natur und widmet sich mit Hingabe dem Outdoorbereich ihrer Wohnterrasse. Große Reisen führten sie durch Europa und Asien, wo sie viel gesehen hat: „Fasziniert war ich beispielsweise in Venezuela von der Genügsamkeit der Menschen, ihrer Herzlichkeit und dem Fehlen jeglicher Gier.“ Werte, die auch ihr wichtig sind.

Original erschienen im Sommer 2016
 

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