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Eine Trafik voller Überraschungen

21.06.2021

Rudolf Aufrichtig scheint mit seinen Mitarbeiterinnen manchmal mehr als Sozialarbeiter denn als Trafikant gebraucht zu werden. Für sie ist das seit langem Alltag – in einer von Wiens Brennpunktmeilen.

Die Trafik von Rudolf Aufrichtig in der Steigenteschgasse 13 im 22. Wiener Gemeindebezirk ist aufs Erste gar nicht leicht zu entdecken: Sie liegt leicht abwärts im Erdgeschoß eines hohen Gemeindebaus mit dem Eingang um die Ecke. „Unsere Stammkunden wohnen direkt im Haus und den angrenzenden Stiegen. Viele kommen auch aus der angrenzenden Siedlung hierher.“ Gemeint sind damit die kleinen Reihenhäuser in Neu Kagran, die wenige Gassen weiter beginnen. „Die hatten jetzt mit einigem zu kämpfen: Die alten Pachtverträge mit dem Stift Klosterneuburg waren ausgelaufen und neue, mit wesentlich höheren Beträgen, wurden festgelegt. Das hat viele in Bedrängnis gebracht, erzählten sie uns. Mit einer solchen Erhöhung hatten viele nicht gerechnet und waren dann mehr als überrascht.“

Zuhören

Rudolf Aufrichtig und seine Trafik-Crew mit Frau Marlene und Frau Maria stehen ihren Kundinnen und Kunden mit Rat und Tat zur Seite. Doch mehr als beruhigende Worte konnten auch sie nicht finden. Doch oft schon genügt ein bisschen Zuhören, wenn der erste Dampf abgelassen wird. „Ein bissl Ausschimpfen braucht man eben, und wir halten’s aus“, lächelt Rudolf Aufrichtig, der schon jahrzehntelange Erfahrung in Trafiken hat.

Angefangen hat er einst im 9. Bezirk in der Nähe der ehemaligen Markthalle. Sein Vater führte sie einst. Der Sohn arbeitete in den Ferien mit. Machte Botengänge und lieferte die Bestellungen. „Manchmal war das dann doch auch ein bisschen anstrengend für mich“, erinnerte sich Herr Aufrichtig. „Denn ich bin von Geburt an 80-prozentig behindert, war eine Steißgeburt. Was mich bis heute nicht davon abhält, so viel wie möglich selbst zu erledigen.“

Mehrbelastung

Das können alle, die bereits um 3 Uhr morgens mit ihrem Hund Gassi gehen, bestätigen, wenn sie durch das Schaufenster Licht auf die Straße fallen sehen. Rudolf Aufrichtig liebt die Stille am Morgen, ehe der Großstadtlärm losgeht. Da sitzt er rückwärts in der Trafik, bevor noch geöffnet wird, und erledigt administrative Arbeiten. Er kontrolliert alles selbst, auch die Bestellungen. „Da ist in letzter Zeit besonders viel zu tun, seit die PGV den Zeitschriftenvertrieb an eine Firma in Bratislava abgegeben hat. Bestellungen, Retournierungen und die damit verbundenen Abrechnungen stimmen leider fast nie. Klar soll man Neues ausprobieren, aber wenn’s nicht klappt, klappt’s eben nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das nur bei mir so ist. Wenn ja, muss ich halt weiter viel Zeit mit der Richtigstellung verbringen“, seufzt der Trafikant und streichelt dabei die kleine Nelly, ein Hundemischlings-Findelkind. Die kleine Hündin wurde vor einigen Jahren in einem Sack zwischen den Mülltonnen entdeckt. Sie gehört Frau Marlene. „Tierfreunde hatten sie gerettet. Ich sah die Kleine, und es war klar, dass ich sie zu meinen anderen Hunden und Katzen mitnehme. Alle vertragen sich gut“, erklärt sie. Mittlerweile ist Nelly nicht mehr aus der Trafik wegzudenken und kann auch schon mal lautstark auf sich aufmerksam machen. Alle lachen. 

Brennpunkt

Dass da einmal ein Räuber Beute in der Trafik machen wollte, konnte Rudolf Aufrichtig aber selbst verhindern: „Obwohl ein Kunde neben ihm stand, rief der Täter ‚Geld her‘ und schleuderte mir die Tasche entgegen. Ich fing sie auf, konnte aber die Kasse nicht öffnen, da es keine Bonierung gab. Ich warf ihm daher zornig die Tasche zurück. Im Reflex griff er danach und lief unverrichteter Dinge eilig zur Tür hinaus. Der Mann neben ihm hatte von all dem nichts mitbekommen, wie sich später herausstellte. Er war mit dem Verstauen seiner Zigaretten und Zeitungen beschäftigt gewesen.“ 
Trauriges Aufsehen hingegen erregte ein anderer Bewohner der Umgebung: der islamistische Attentäter vom 2. November letzten Jahres. Manche, die in der Trafik einkaufen, kannten ihn. Ein anderer, unfreiwilliger Medienstar hingegen wohnte als Kind nur zwei Kilometer entfernt in den Rennbahngründen: Natascha Kampusch. Und zu guter Letzt brannte vor einem Jahr auch plötzlich das Dach des Donauzentrums ab. Also eine zuweilen aufregende Meile, wie Herr Aufrichtig trotzdem gelassen feststellt. Er selbst wohnt mit seiner Frau wie die anderen oben Genannten an der Wagramer Straße – allerdings weiter entfernt von der Trafik in der Nähe der Reichsbrücke. 

Eroberung

Seine Stammkunden, die 80 Prozent seiner Käuferinnen und Käufer bilden, begleiten ihn seit sehr langer Zeit. Er weiß über sie fast alles und sie über ihn. Denn seine Trafik führt Rudolf Aufrichtig seit 1974 hier im Gemeindebau: „Zuerst hatte ich das Lokal von der Vorbesitzerin, der Frau Hüttl, gemietet, und seit 2007 steht die Trafik in meinem Eigentum.“ Die Klientel übernahm Herr Aufrichtig von ihr. Ursprünglich lag die alte Trafik ja auf der gegenüberliegenden Straßenseite. „Ehrlicherweise muss man sagen, dass dort nur noch wenige einkauften. Die Frau Hüttl hatte sich im Laufe der Jahre mit fast allen zerstritten, und ich musste sie erst wieder als Kundschaft zurückerobern“, wischt er sich den unsichtbaren Schweiß seiner mühevollen Kleinarbeit noch heute von der Stirn. „Aber dann hat alles super geklappt“, freut er sich.

Fleiß ist selbst nach langer Zeit seine Sache. Den letzten Urlaub, überlegt Rudolf Aufrichtig, nahm er sich im Jahr 2000: „Ich mag Wien. Gehe gerne im Donaupark oder an der Alten Donau spazieren – mit meiner Frau. Ich mag sie und meine Trafik. So brauche ich keinen Urlaub, denn beide sind mein Urlaub.“

Erstmalig veröffentlicht Anfang 2021

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