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Frauenpower mit Herz

25.06.2021

Nach zwei bewaffneten Raubüberfällen, bei denen sie selbst den Täter fasste, hat Susanne Dolak aus ihrer Trafik ein kleines Fort Knox gemacht. Das rät sie auch allen TrafikantInnen und den Mut zur Unverwechselbarkeit.
 

In Wien 21 gibt es so etwas wie das bekannte kleine Gallische Dorf, wo die Uhren einfach anders gehen: den „Tabakladen“ Dolak. Er befindet sich mitten auf einer befahrenen Durchzugsstraße mit Obdachlosenwohnheim in der Nähe, einem Siemens-Bürokomplex, riesigen Neubauten mit jungen Familien, alten Zinshäusern mit Migrant­Innen und einem ehemaligen Fabrikareal, jetzt bevölkert von Creativ-Start-ups, in der Leopoldauerstraße 19. 

Susanne Dolak führt diese Trafik, wobei sie tatkräftig von ihrer Schwester Nora unterstützt wird. Aber nicht nur: Im Familienunternehmen arbeiten auch noch die erwachsene Tochter Caroline, gelernte Einzelhandelskauffrau, und Nichte Laura, ausgebildete Trafikantin, in Vollzeit. Die Oma hilft fix in der Woche aus, genauso wie Neffe Lukas gemeinsam mit Ehefrau Franzi und Mitarbeiterin Renate.

Zusammenhalt

Ursprünglich fing Frau Dolak allein an. „Ich habe in einer nur 11 m² kleinen Trafik begonnen, wenige Häuserblöcke von hier entfernt. Doch dann gab’s eine Katastrophe – eine Gasexplosion im gegenüberliegenden Haus. Die Trafik wurde zertrümmert.“ Frau Dolaks Mitarbeiterin erlitt einen Gehörschaden und zu guter Letzt wurde auch noch wegen der Aufräumarbeiten ein Teil der Hauptstraße gesperrt und direkt vor der Trafik eine riesige Planke hochgezogen. „Ich bin verfallen. Natürlich konnte dadurch lange Zeit niemand zu uns kommen.“

Doch der Familienrat der Dolaks fand eine Lösung: „Ich sprach mit meinem Mann, ob er mir nicht einen Teil seines Geschäfts für eine neue Trafik abtreten könnte, und er sagte tatsächlich ja.“ Seitdem befindet sich die Trafik direkt neben dem Whirlpoolgeschäft ihres Mannes. Das ist nun schon viele Jahre so und der Standort gut eingeführt. Schwester Nora wohnt seit Kurzem im Nachbarhaus und auch Familie Dolak wird bald von ­Muckendorf nach Floridsdorf übersiedeln. „Da wir so viel Zeit im Geschäft verbringen und so viele Leute kennen, fühlen wir uns hier mittlerweile mehr zu Hause, und wir ersparen uns den langen Anfahrtsweg.“

Festnahme

Bei Susanne Dolak stellte man mit Anfang 20 eine sehr seltene Form von Diabetes fest, womit sie in Österreich die einzige Patientin war und Ärzte ihr damals sagten, dass ihr Leben mit 40 zu Ende sei. „Keine angenehme Diagnose“, meint sie rückblickend. „Und was habe ich gemacht? Mit 40 eine Trafik eröffnet. Ich nehme alle sechs Stunden meine Medikamente, und mir geht es super. Mit Mitte fünfzig leide ich an keiner anderen Erkrankung“, strahlt die engagierte Trafikantin.

Neben ihrer positiven Einstellung zum Leben und zu Leuten hat ihr vielleicht auch der Kampfsport weitergeholfen. „Wir sind in jeder Form von Selbstverteidigung top trainiert und nehmen regelmäßig erfolgreich am Training für Schusswaffen teil.“ Ausschlaggebend dafür waren zwei Überfälle, immer mit dem gleichen Räuber: „Beim ersten Mal hatte er die Waffe auf meine Nichte gerichtet, und wir haben ihm sofort alles überlassen. Er kannte sich gut aus und lief beim Hinterausgang des Geschäfts hinaus. Er besaß einen Postschlüssel.“ Schwester Nora war nerv­lich so fertig, dass sie monatelang nicht schlafen konnte. Doch damit nicht genug: „Kurze Zeit später kam der Typ noch einmal, wieder mit einer Waffe. Er ging zuerst zum Schalter, wo meine Schwester ihn abwimmelte und dabei nicht aufblickte. Er war irritiert. Eine Mitarbeiterin beobachtete das und schlug versteckt Alarm. Er konnte von uns festgehalten werden und mein Mann mit der Schrotflinte unbemerkt die Trafik betreten. Die Polizei brauchte ziemlich lange, bis sie endlich eintraf, ließ uns alles machen und steckte ihn nur ins Auto. Er war ein einschlägig bekannter Einbrecher aus Mistelbach. Noch schlimmer waren allerdings unsere Erlebnisse vor Gericht, wo wir vom Richter fast wie Täter abgestempelt wurden! Der Berufsverbrecher erhielt fast nichts.“

Widerstand

Doch aus der Bewältigung einer gefährlichen Situation wurde mittlerweile ein ambitioniertes Hobby, das Tochter ­Caroline sogar zur Bodybuilding-Wettkämpferin beflügelt hat. „Wir sind eine reine Frauentrafik, aber wir sind inzwischen auf jede Situation körperlich, technisch und strategisch vorbereitet und von ExpertInnen trainiert. Bei uns kommt keiner mehr ungeschoren raus!“, gibt sich Susanne Dolak völlig entspannt. „Ich kann nur jedem Trafikanten zu Sicherheitsmaßnahmen raten. Es gibt kleine Tricks mit hervorragender Wirkung. Denn man kann ja nicht den ganzen Tag voller Angst hinter dem Tresen stehen.“

Räuber der anderen Art, findet die Trafikantin, sind die Wiener Linien und der Tabakriese Philip Morris: „Die einen haben unsere Oma schikantiert, weil sie vor den angesetzten 14 Tagen gekommen ist, um Fahrscheine für die Trafik zu besorgen. Gerüffelt hat man sie, und dabei verdienen wir TrafikantInnen nichts daran. Bei den Parkscheinen waren sie ein anderes Mal noch einmal sekkant. Seither verzichten wir darauf, genauso wie auf die Produkte und die Werbung von ­Philip Morris. Die Geschäftsgebarung ist dort unter jeder Kritik, einfach skandalös!“, empört sich Frau Dolak. „Es stimmten die Liefermodalitäten nicht. Es gab ständig Verzögerungen oder Fehlbestände, die man dann auch noch uns anlastete. Es sollten sich mehr TrafikantInnen zusammenschließen und solche Missstände boykottieren!“ Mit JTI sei man zufrieden. So etwas verstehe sie unter einer funktionierenden Partnerschaft.

Kundentreue

Schwester Nora hat ein absolutes Gedächtnis für Bestellungen, Namen und Gesichter. „Sie ist sensationell und vergisst nie etwas!“ So kennt sie die Vorlieben aller Stammgäste auswendig. Von den 12.000 Postkunden bleibt der eine oder die andere auch in der Trafik mit persönlichem Service hängen: „Manche kommen herein und rufen ‚Das Übliche bitte!‘, oder ‚Bitte das Menü!‘. Wir wissen, was gemeint ist.“ Bleibt etwas längere Zeit liegen, erkundigt man sich nach der Ursache. Urlaubswünsche werden genauso deponiert, wie Gegenstände, die von anderen abgeholt werden. Die Trafik als Marktplatz und Kontaktbörse.

Auffallend und schwierig sei allerdings, dass die Zahl der AnalphabetInnen im Grätzl deutlich steige, auch bei den InländerInnen: „Es gibt dafür einige Anzeichen wie zum Beispiel jedes Mal die Brille vergessen. Das ist natürlich bei Post-Auszahlungen schwierig. Obwohl sie sich schämen, wird ein Gratis-Leseunterricht nicht angenommen. Die Leute genieren sich.“

Spezialistinnen

Besprochen werden alle Vorkommnisse beim gemeinsamen Kaffee am Morgen, dann, wenn die Oma kommt, die später auch die Lieferungen entgegennimmt. Vorher gibt es von ihr noch gestrichene Schnittlauchbrote. Alle widmen sich danach dem zugeteilten Aufgabenbereich: Frau ­Dolak ist die Billet-Expertin und dafür weit über die Bezirksgrenzen hinaus bekannt. Tochter Caroline widmet sich den E-Zigaretten: „Die gehen bei uns ziemlich gut, während die Zigarillo-Nachfrage auffällig zurückgegangen ist.“

Beliebt bei den KundInnen sind in der Trafik Dolak auch die Thementage der Belegschaft. Susanne Dolak: „Wir machen uns zum Beispiel aus, dass wir an einem Tag alle im Dirndl kommen. Oder ein anderes Mal sind wir alle schwarz/weiß gekleidet. Den Leuten gefällt’s, und sie kommen oft allein nur, um zu sehen, was uns jetzt wieder eingefallen ist.“ Da ist es auch verständlich, dass ein Taxler mit Standplatz im 13. Bezirk jedes Mal, wenn er eine Fuhre über die Donau macht, in seiner Lieblingstrafik vorbei kommt und irgendetwas mitnimmt. Frauenpower mit Herz ist eben überall gefragt.   

Original erschienen im Frühjahr 2016

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