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Fürs Leben planen

23.06.2021

Eine rauchende Graffitifigur neben der Eingangstür ist das Markenzeichen eines Tabakkiosks in Floridsdorf. Seit vergangenem November betreibt ihn ein junges Ehepaar.

Ist es möglich, dass einem das Trafikantenleben bereits in die Wiege gelegt werden kann? Bei Thomas Hohenrieder war’s offensichtlich so. Seine ganze Verwandtschaft samt Freunden üben diesen Beruf aus. Es gibt nicht nur einen Onkel in Stockerau, sondern gleich mehrere an verschiedenen Standorten in Niederösterreich. Überall schnupperte er hinein, und es wurde viel in seiner Umgebung über Trafiken gesprochen. Irgendwann war es für Thomas klar, dass auch er Trafikant sein wollte. Doch zuvor arbeitete er als selbstständiger Handelsvertreter im Außendienst für Wasseraufbereitung. Da lernte er viel über Verkauf. Als dann eine 50-prozentige Invalidität am Rücken festgestellt wurde, waren auch die formalen Voraussetzungen für die Übernahme einer Trafik erfüllt. Jetzt stand also nichts mehr im Weg, sich endlich den Lebenswunsch Trafik zu erfüllen, glaubte Herr Hohen­rieder. Doch jetzt ging’s erst richtig los. 

Überraschung

Die geeignete Trafik zu finden, war weniger einfach als ursprünglich gedacht. Da die Großfamilie Hohenrieder-Membör in Atzenbrugg/NÖ wohnt, hätte man ursprünglich gerne eine an Ort und Stelle übernommen. Doch da war weit und breit keine frei. Auch sonst waren im direkten Umfeld in Niederösterreich alle vergeben, oder sie stellte sich als wenig geeignet he­raus. „Schließlich haben wir dann beschlossen, uns einige an der Grenze zu Wien anzusehen.“

Aus dem angepeilten Vorhaben, eine moderne Trafik im Zentrum von Gerasdorf/NÖ zu übernehmen, wurde schließlich nichts. Unzählige hatten sich darum beworben. Aber jener, der den Zuschlag erhielt, hatte selbst eine zu vergeben. Familie Hohenrieder sah sich diese nach ihrer Such-Odyssee im 21. Wiener Gemeindebezirk, Jedleseer Straße 95, an. „Und die war’s dann!“, freut sich Thomas Hohen­rieder immer noch. „Wir kamen herein, und sie war modern, freundlich und alles in einem Zustand, den man sofort verwenden konnte. Ich sage Ihnen: Wir hatten uns zuvor so viele angesehen und waren von den meisten entsetzt! Für uns alles nicht vorstellbar! Am 1. November letzten Jahres haben wir sie schleißlich vom Vorbesitzer, Herrn Klettler, übernommen.“

Sortiment

Herr und Frau Hohenrieder machten sich gleich daran, die Trafik so zu gestalten, wie Thomas es in seiner Ausbildung in der Trafikakademie in St. Pölten gelernt hatte. „Herr Klettler sagte uns auch, was bei ihm gut lief. Viele Kundinnen und Kunden wünschen sich eine gute Auswahl im Zeitschriftensortiment. Das haben wir beibehalten und sogar für Jüngere erweitert. Wir führen daher mehrere Computerfachblätter neben Sportzeitungen, Motorrad- und Autozeitschriften.“ Bianca Hohenrieder wiederum ist Spezialistin für den Bereich Frauen, der sehr traditionell bei Gesellschaftsblättern wie Neue Post, Gala usw. liegt, aber auch Die ganze Woche und vielem mehr. „Um uns herum gibt es viele Gemeindebauten und die Apotheke gegenüber ist unser Glück, sogar mit Parkplatz! Viele, die dort einkaufen, lassen ihr Auto stehen und kommen zu uns herüber. Ideal!“, freut sich Frau Hohenrieder. Sie ist auch für das umfangreiche Geschenkbilletssortiment zuständig. Ehemann Thomas verzieht bei ihrer Leidenschaft sanft leidend die Miene. Jedenfalls, wer in die Trafik Hohenrieder eintritt, kann diesbezüglich absolut aus dem Vollen schöpfen. „Wir führen prinzipiell alles, was man sich in einer Trafik wünscht und haben sogar ein eigenes Ordnungssystem, wo wir Stammkundinnen und -kunden Zeitungen sowie Zeitschriften reservieren. Wir führen auch die E-Zigarette ­myblu, die sehr gut geht. An Liquids haben wir die gängigsten: Blue Eyes, Tobacco u. a. Wer Ausgefallenes möchte, muss dann in das Dampferspezialgeschäft wenige Meter entfernt gehen.“

Thomas und Bianca Hohenrieder freuen sich darüber, dass sie die Stammkundschaft vom Vorbesitzer halten konnten. „Am Anfang ist man halt schon ein bisschen unsicher, wie es wird. Doch geschätzte 98 Prozent sind nicht nur unkompliziert und nett, sondern einfach Teil des Tabakkiosks. „Die restlichen zwei Prozent, die vielleicht etwas, wie sage ich es mild, rustikal in der Trafik auftreten, verlaufen sich bei der Menge der anderen freundlichen“, so Bianca.

Explosiv

Mehr als unfreundlich und unerwartet war ein Erlebnis nur wenige Wochen nach der Übernahme: „Wir wurden um 03.00 Uhr morgens von der Polizei aus den Federn geholt, weil unser Zigarettenautomat in die Luft gesprengt worden war! Das war ein Schrecken!“, atmet Thomas Hohenrieder nochmals angespannt durch. „Die Täter haben sie bis heute nicht gefasst.“ Dabei seien es mehrere Automatensprengungen in der Umgebung innerhalb von zwei Wochen gewesen. „Das Erfreuliche allerdings war, dass nach der Meldung bei der Automatenfirma Uko Media schon um 09.00 Uhr bereits der neue an der Kioskwand hing. Das war super!“, freut sich der Trafikant. 

Auch der Coffee-to-go-Automat bewährt sich. „Wir können ihn gar nicht mehr wegdenken. Er lädt manche sogar dazu ein, ein bissl länger zu tratschen und sich die Zeitschriften anzusehen. Manche nehmen dann sogar eine mit“, freuen sich Bianca Hohenrieder und Schwiegermutter Margit Membör, die zehn Stunden pro Woche neben einer 30-Stunden-Angestellten die Trafik unterstützt.

Noch mehr freut sich Frau ­Membör allerdings schon auf die geplanten Enkel­kinder. Denn knapp vor der Trafikübernahme hatte das junge Paar standesamtlich geheiratet und Sohn Thomas den Familiennamen seiner Frau angenommen. Jetzt ist ein Jahr intensive gemeinsame Arbeit angesagt, und kommenden September gibt’s im Stift Heiligenkreuz die kirchliche Hochzeit und danach in Atzenbrugg die Festtafel. Planung ist das halbe Leben, heißt es – auch bei den Hohenrieders.

Original erschienen 2018

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