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Bürgermeister Gerald Schindl (ganz links), Vereinsobmann Harald Mathuber (umringt von seinen Mitarbeiterinnen), Kastner-Geschäftsführer Christof Kastner und Dr. Ernst Koreska von der MVG eröffneten feierlich den neuen Supermarkt mit verbundener Trafik. Gleich darauf wurde das Lokal von der Bevölkerung regelrecht gestürmt – so viele Kunden auf einmal wird das Geschäft in seinem Normalbetrieb vermutlich selten sehen ...

Gemeinde finanziert ihren eigenen Nahversorger

07.03.2016

Allenthalben sperren Geschäfte zu, verwaisen Ortskerne und werden ehemals blühende Dörfer zu reinen Schlafstätten ohne sozialen Treffpunkt. Eine kleine waldviertler Gemeinde hat die Schließung ihres einzigen Geschäfts nicht toleriert und zur Selbsthilfe gegriffen.

Mit Gottes Segen kann nix mehr schiefgehen!
Eine überschaubare Zigarettenauswahl, dazu Lotto und Zeitschriften - diese Grundversorgung ist schon einmal viel besser als nichts.

Mit Jahreswechsel standen die Menschen in Amaliendorf-Aalfang plötzlich ohne Nahversorger da: Der bisherige Laden mit Poststelle und verbundener Trafik hatte ohne jede Vorwarnung zugesperrt. Damit fiel nicht nur ein Treffpunkt im Ort weg, alle Menschen ohne Auto hatten plötzlich ein Problem damit, zu ihren Einkäufen zu kommen. Kein haltbarer Zustand, wie Bürgermeister Gerald Schindl befand.

Dann machen wir´s halt selber

Die Amaliendorfer standen dabei nicht völlig ohne Vorbild da: Das 350-Seelen-Örtchen Bärenkopf im Bezirk Zwettl hat seit Jahren sein kleines Geschät und hält dieses auch am Leben. "Dann dürfen wir mit unseren 1.100 Einwohnern und 300 Zweitwohnsitzen eigentlich kein Problem haben." dachte sich Bürgermeister Gerald Schindl und erarbeitete mit dem Unternehmen Kastner aus Zwettl ein Konzept. Bereits am 4. Jänner 2016 wurde den Einwohnern im Rahmen einer Bürgerversammlung eine Idee vorgestellt: Ein neu gegründeter Verein "Unser Nahversorger" sollte als Unternehmer fungieren, die Anschubfinanzierung aus der Dorfgemeinschaft kommen. Dazu wurden Warengutscheine im Wert von je 100 Euro aufgelegt. 250 solcher Gutscheine im Gesamtwert von 25.000 Euro waren rasch verkauft; sie sollten ab August 2017 und über einige Jahre (je nach Geschäftsgang) anteilig gutgeschrieben werden.

Rasche Umsetzung

Dank einer reibungslosen Zusammenarbeit mit der Fa. Kastner, lokalen Handwerkern sowie der Monopolverwaltung konnte das Geschäft bereits am 2. März, nicht einmal 8 Wochen nach der Bürgerversammlung, eröffnet werden. Der neue Nah & Frisch bietet nun vier Mitarbeiterinnen Arbeit – drei von ihnen stammen aus Amaliendorf, die Vierte ist aus einem Nachbarort. Und alle haben Erfahrung im Lebensmittel-Einzelhandel. Das Geschäft bietet aber nicht nur regionale Jobs, sondern auch regionale Waren: Auch das Brot stammt zum Teil von einer nahen Bäckerei.
Preislich versucht man dennoch, mit den großen Ketten mitzuhalten: Eigenmarken sowie faire Kalkulation sollen es den Menschen leicht machen, im Ort einzukaufen. Auch die verbundene Trafik mit ihrer überschaubaren Zigarettenauswahl sowie einem Ukolook-Automaten an der Fassade ist wieder da; die Postpartnerschaft wird mit Ende März wieder laufen - das betreffende Schild hängt schon jetzt an der Fassade.

Im Zuge der feierlichen Neueröffnung versprühte Christof Kastner, dessen Unternehmen als Knowhow-Geber, Großhändler und Vermittler der Dachmarke Nah & Frisch fungiert, viel Optimismus: "Neben eigenen Geschäften in der Region hat sich das Prinzip, nach dem nun der Nah & Frisch in Amaliendorf-Aalfang eröffnet wird, gut bewährt. Der Nahversorger im deutlich kleineren Bärenkopf funktioniert seit Jahren sehr solide – wir glauben deshalb fest an den Erfolg dieses Geschäfts." Dr. Ernst Koreska von der Monopolverwaltung freute sich ebenfalls über den Neustart: "Alleine in den Jahren 2010 bis 2015 haben in Niederösterreich 15 Prozent der verbundenen Trafiken zugesperrt; in manchen Regionen fällt der Verlust noch höher aus. Deshalb freut mich eine Neueröff nung auch persönlich. Vor allem die Art und Weise, wie dieses Geschäft zustande gekommen ist, ist etwas Besonderes und sagt viel über die Gemeinde und die Gemeinschaft aus."

Viel Glück!

Die Bürger von Amaliendorf-Aalfang haben - jeder für sich - keine Unsummen in die Hand genommen und werden ihre Investitionen voraussichtlich auch zurück bekommen. Viel wichtiger ist aber die Beispielwirkung, mit der sie für das Gemeinsame aktiv wurden. Die gemütliche kleine Sitzecke gegenüber der Feinkostabteilung war jedenfalls schon am Eröffnungstag gut besucht. Wir wünschen den Amaliendorfern viel Erfolg für ihr Geschäft und anderen Gemeinden mit dem gleichen Problem den Mut, es den Waldviertlern einfach nachzumachen.

Autor/in:
Matthias Hauptmann
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