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Trafik nicht nur für die Sommerfrische

24.06.2021

Hart traf das Schicksal Gerhard Krexner aus heiterem Himmel. Seine Trafik in Groß-Enzersdorf bei Wien führt er dennoch mit viel Herz.
 

Für viele Schwimmbegeisterte und Sonntagsausflügler aus Wien ist Groß-Enzersdorf im Sommer ein besonderer Tipp. Der Ort liegt im ­Osten Österreichs, angrenzend an das Naturschutzgebiet Lobau im Nationalpark ­Donau-Auen. „In den letzten Jahren sind auch sehr viele ehemalige Wiener fix zugezogen“, weiß Trafikant Gerhard ­Krexner. „Zum Teil hatten sie hier Bungalows aus Holz am Donau-Oder-Kanal gehabt, der gleich da vorne beginnt, und sie stellten sich nach der Flächenumwidmung gemauerte Häuser hin. In denen kann man jetzt das ganze Jahr über wohnen“, freut er sich. „Das hat natürlich zur Folge, dass es für mich nicht nur einen saisonalen Sommerbetrieb wie früher gibt, sondern das ganze Jahr hindurch.“

Dass vor zwei Monaten nur wenige Meter entfernt, gleich an der Hauptstraße, eine vor langer Zeit stillgelegte Trafik wieder aufgesperrt hat, stört Herrn Krexner nicht: „Wir spüren das überhaupt nicht. Obwohl wir ein wenig abseits vom Einkaufstrubel liegen, haben wir den Vorteil, dass wir das letzte Geschäft vor dem Naturschutzgebiet sind. Vorteil: Man kann so mit dem Auto noch schnell stehen bleiben und nimmt sich Zigaretten, Lesestoff oder ein kaltes Getränk mit.“ Auch die vielen Radfahrer, die täglich hier vorbeikommen, wissen diesen Service vor der Zufahrt in die Grünoase zu schätzen: „Wir leben aber vor allem von den vielen StammkundInnen. Viele von ihnen kommen täglich bei uns vorbei. Sie holen sich ihr Packerl Zigaretten, die Zeitung oder schauen einfach nur auf ein Tratscherl vorbei“, lacht der Trafikant.

Heuchelei

Seinen Humor hat Gerhard Krexner allerdings erst wieder in den letzten Jahren gefunden, seit er die kleine Trafik am 1. Jänner 2014 von seinem Vorgänger übernommen hat: „Sie lenkt mich von meinen chronischen Schmerzen ab, die ich seit vielen Jahren habe. 30 Operationen liegen hinter mir, und die nächsten drei stehen bevor.“

Herr Krexner spricht gelassen darüber. Sein Unfall war seinerzeit ohne Fremdverschulden passiert. Er stürzte unglücklich und brach sich beide Schultern. Dazu knackste er sich drei Wirbel an, seine Bandscheiben machen auch nicht mehr richtig mit, und andere Rückenbeschwerden tun das Übrige. „Aber wissen Sie, ich will gar nicht weiter jammern. Es nützt ja doch nix“, versucht er sich selbst wieder zu beruhigen. „Wenn’s allerdings Cannabis endlich einmal für die Trafiken freigeben würden, werde ich der Erste sein, der das selbst konsumiert. Man kann das Zeug jetzt bereits überall kaufen. Da wäre es doch gleich besser, man erhält es legal und die Qualität wird kontrolliert. Ich verstehe das heuchlerische Herumgetue nicht. Man sollte lieber den unmäßigen Alkoholkonsum der Leute unter Kontrolle bringen und nicht gegenteilig sogar die Kinder durch Alkopops dazu verleiten. Wem so ein Produkt überhaupt einfällt! Es wäre auch an der Zeit, die künstlichen Fette und die Chemie aus unserer Nahrung zu nehmen oder den Zucker wegen Diabetes. Alkohol und diese Fettmacher kann man überall kaufen. Cannabis hingegen ist bei chronischen Schmerzen viel gesünder als die schweren Mittel, die ich ständig aus der Apotheke nehmen muss.“

Gemeinschaft

Im winzigen Aufenthaltsraum stehen unterschiedlich hohe Sitzgelegenheiten. Daueraufenthalt gibt es für Herrn ­Krexner in seiner Trafik keinen, denn seine Körperhaltung muss er nach einer bestimmten Zeit ändern. Er lehnt am Türstock, sitzt oder stützt sich auf einem Stuhl mit höherer Sitzfläche ab. Heben oder tragen kann er nicht. Seine Invalidität beträgt 100 Prozent. „Manchmal greift er zwar instinktiv nach einem Paket, aber das lässt er sowieso gleich wieder los“, erklärt Claudia Willert, die von Anfang an als Mitarbeiterin tätig ist. Sie lacht ihren Chef verständnisvoll an. Der witzelt schelmisch: „Du bräuchtest Can­nabis erst gar nicht nehmen, denn du bist auch ohne immer gut drauf. Im Ernst: Ich bin so froh, dass ich dich und die 
Manuela Korn habe. Ohne euch könnte ich das hier gar nicht machen.“ Sie seien zu dritt ein harmonisches Team, bei dem auch der Informationsfluss untereinander gut laufe. Auch die KundInnen schätzten die gute Atmosphäre und kämen bereits entspannt herein. „Wir haben hier wirklich eine Super-Kundschaft. Manche bringen uns sogar regelmäßig Mehlspeisen vorbei. Da kann man wirklich nichts sagen. Auffällig sind nur teilweise die Wirtshausgeher von nebenan, die alle mit dem Auto kommen und uns hier oft die Plätze zuparken“, ärgert sich der Trafikant.

Sündenböcke

Doch mehr noch regt ihn die immer geringer werdende Handelsspanne bei Zigarettenverkäufen auf: „Wenn ich nicht vier Automaten hätte, würde sich das Geschäft bei mir fast nicht mehr rentieren. Ich bin nur neugierig, wann endlich unser Anliegen im Parlament behandelt wird. Das liegt schon ein halbes Jahr unverrichteter Dinge dort“, Gerhard ­Krexner seufzt. „Wissen Sie, eines ärgert mich überhaupt: Wir Rauchende sind derzeit an allem schuld: wie das Wetter ist, wenn ein Kind vom Rad fällt; Sie verstehen, was ich damit sagen will: Findet man in Zeiten wie diesen keinen anderen Sündenbock, dann sind es die Rauchenden, obwohl sie niemandem etwas tun.“ Herr Krexner zieht genüsslich an seiner Zigarette. Seine Stimmung ist aber sofort wieder gut. Vor allem, wenn er an seine Frau denkt, der es jetzt nach einem Burn­out vor eineinhalb Jahren wieder besser geht. Sie arbeitete in einer Bank, wo Kündigungen anstanden. Doch voll belastbar sei man nach so etwas nicht mehr, senkt er bedauernd seinen Blick. Trotz allem hätten sie die Lebensfreude nicht verloren, speziell wenn sie gemeinsam ihrem Yorkie im Garten herumtollen zusehen oder Gerhard Krexner sich am Ufer seines kleinen Goldfischteichs entspannt. Auch ein Urlaub ist Thema: „Wegen meines Rückens liebe ich das Tote Meer. Aber wegen der Politik dort geht das derzeit nicht. Daher bleiben wir in Österreich. Heuer wird’s bei uns Tirol oder die Flachau.“ Auch wenn es wohl keine längeren Spaziergänge werden, mag Herr Krexner die Berge: „Sie erinnern mich ans Leben: Einmal geht’s rauf, dann wieder runter. Die Hoffnung darf man aber nie verlieren.“

Original erschienen 2017

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