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Vom Meeresmikrobiologen zum Trafikanten

21.06.2021

Ein schwerer Verkehrsunfall änderte das Leben von Familie Liu vollkommen. Lange bangte man um das Leben des Familienvaters. Als Trafikant erhielt er in der Hetzendorfer Straße 88, 1120 Wien, eine neue Chance.

Vor 27 Jahren kam Ehefrau Xianzhi Lu aus China nach Wien. Sechs Jahre später folgte Ehemann Qingpinp Liu mit dem damals sechsjährigen Sohn Dongjian nach. Seit 2006 ist ihr Mann nach einem schweren Verkehrsunfall, den er fast nicht überlebt hätte, Trafikant. Seine Ehefrau unterstützt ihn tatkräftig, da alles heute noch für ihn schwierig ist. 
Ursprünglich nahm Frau Xianzhi Lu (in China behält die Ehefrau ihren Mädchennamen) an einem Wien-Qingdao-Austauschprogramm teil. Die Stadt ist etwa so groß wie Wien und gilt in China als mittelgroß. Frau Lu war dort bereits zur fertigen Krankenschwester ausgebildet worden. Zwei Jahre lief das Programm. Dann wollte sie zu ihrer Familie zurück. Denn Frau Lu kam nur, um sich weiterzuqualifizieren. Ihr Sohn war noch ein Säugling gewesen, als sie von zu Hause wegging. 

Gekommen, um zu bleiben

Mit weiteren 27 Kolleginnen kam sie damals am Flughafen Wien-Schwechat an, und alle wurden gemeinsam in einem Quartier direkt im Psychiatrischen Krankenhaus auf der Baumgartner Höhe untergebracht. „Mein Arbeitsort lag damals aber viel weiter weg: im SMZ-Ost Krankenhaus im 22. Wiener Gemeindebezirk. Ich fuhr täglich 75 Minuten eine Strecke. Also insgesamt war ich zweieinhalb Stunden mit den Öffis unterwegs. Wir hatten damals überwiegend 12-Stunden-Dienste. Das waren schon sehr lange Tage, wenn ich mich so zurückerinnere.“
Die Arbeit war zwar anstrengend, doch Frau Xianzhi Lu wurde der Beruf der Krankenschwester, der damals schon Mangelware in Österreich war, schließlich so schmackhaft gemacht, dass sie ihren Ehemann und den Sohn kurzerhand nach Österreich holte, um für immer zu bleiben.

Familienzusammenführung

Dabei hatte Herr Qingpinp Liu als studierter Meeresbiologe in China einen sehr guten Beruf und eine unkündbare Beamtenstelle. Die Tätigkeit eines Meeres­mikrobiologen gab es in Österreich nicht. In der Stadt Qingdao auch nur deshalb, weil sie am Meer liegt. Doch er willigte ein, weil er seine Frau nicht verlieren wollte und kündigte seinen Job.

Zwei neue Sprachen

Frau Lu musste nach ihrer Ausbildung als Krankenschwester, bevor sie nach Österreich kam, einen einjährigen Englischkurs mit Sprachtest absolvieren. Nach diesem Auswahlverfahren folgte erst der Deutschkurs, der nochmals etwa ein Jahr dauerte und ebenfalls mit einem Eignungstext abschloss. Danach folgte zusätzlich eine mehrwöchige Ausbildung im Wiener Dialekt. „Bürgermeister Zilk und seine Frau besuchten uns mit leitenden Beamten der Wiener Stadtverwaltung, die unsere Sprachprüfungen abnahmen. Wien ist mit der Stadt Qingdao befreundet und daher Partnerstadt.“
Qingpinp Liu hingegen wurde in Wien später nur als Lieferant eingestellt. Er sprach noch nicht gut genug Deutsch und seinen Beruf konnte er nicht ausüben. Bei Horn im Waldviertel ereignete sich dann der schreckliche Unfall: „Mein Mann redet nicht gerne darüber“, ergreift Frau Lu das Wort. Herr Liu schaut betroffen zu Boden. „Sein Bein war völlig zertrümmert, die Milz weg, ein kompletter Leberriss, von der Bauchspeicheldrüse fehlt ein Teil und noch einiges andere. Ich war damals mit meinem zweiten Sohn im achten Monat schwanger. Die Ärzte wussten lange nicht, ob sie ihn durchbringen konnten. Wie sollte alles nur werden? Ich weinte tagelang. Weil er immer sportlich war, hat es sein Körper dann doch geschafft!“, schaut sie ihren Mann heute noch erleichtert und liebevoll an. 

Family & Business

Wichtige Stütze der Trafik ist Mitarbeiterin Bianca Groß. Sie ist zwar erst seit einem halben Jahr in der Familientrafik, doch sie engagiert sich so, als würde sie schon ewig bei den Lius arbeiten. Sie macht den Eindruck, als gehöre sie fast schon zur Familie, erzählt von ihrer Tanzleidenschaft und den beiden Hunden. 

Die erste Trafik der Lius in der Breitenfurter Straße wurde im Mai 2014 geschlossen und die Familie erhielt danach jene in der Hetzendorfer Straße 88 im 12. Wiener Gemeindebezirk, erzählt Herr Liu. Sein älterer Sohn unterstützt dort ebenso im Ausmaß von 20 Stunden. Dabei studiert er noch Technische Chemie und hatte den elterlichen Betrieb schon einmal verlassen. „Denn wir zahlten ihm zu wenig, warf er uns vor“, lacht Frau Lu. „Er wechselte lieber in ein Innenstadtgeschäft, wo er mehr bekam. Doch dann begann Corona und eine Kollegin mit Kind sollte gekündigt werden. Das wollte mein Sohn nicht. Dongjian meinte, dass er ja seine Eltern hätte, die Trafikanten seien, und kündigte von selbst. Die junge Mutter behielt so ihre Stelle und seitdem arbeitet er wieder bei uns. Ich hoffe aber, dass er mit 30 Jahren auch langsam sein Studium beendet.“ Frau Lu rollt die Augen und nickt ihrem Mann nachdenklich zu. 

Der jüngere Sohn ist 18 Jahre und wartet seit eineinhalb Jahren darauf, endlich seine Lehre als Koch antreten zu dürfen. „Bald wird das hoffentlich gelingen!“, kann Frau Lu wie viele andere das Ende der harten Pandemiemaßnahmen kaum erwarten. „Wir spüren hier in der Trafik, dass die Belastung für viele Menschen jetzt schon sehr groß geworden ist. Wir sind zwar nach wie vor gut gelaunt und versuchten das auf unser Publikum zu übertragen, was uns auch gelang. Nur in der kalten Jahreszeit taten sich manche schwer, draußen vor der Tür zu warten. Doch das musste sein, da unsere Trafik ja so klein ist und sich nur eine Person im Innenbereich aufhalten durfte.“

Daher freut sich Frau Lu besonders auf die schöne und warme Jahreszeit. Auch, weil sie Blüten liebt. „Überall in der Wohnung haben wir Blumen. Das ist mein Hob­by. Mein Mann mag das auch. Er bastelt dann Diverses dafür, denn er ist handwerklich sehr geschickt.“ Doch am liebsten lesen die Lius Nachrichten in Zeitungen, sowohl in österreichischen als auch in chinesischen. „Wir schauen nicht fern, sondern lesen lieber. Auch unsere Söhne. Oder wir schauen etwas auf dem Handy. Das geht auch.“ Und so konnte das gemeinsame Zeitungslesevergnügen der Familie sogar zu einem Teil ihres neuen Berufs werden.

Erstmalig veröffentlicht im Frühjahr 2021

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