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Vorrang für eilige Kunden

24.06.2021

Trafikant Stefan Fellner reagiert flexibel. Deshalb hat er auch für Kunden Verständnis, die mit ihrem Auto auf prekären Plätzen parken müssen.

Reges Treiben um den Rochusmarkt im 3. Wiener Gemeindebezirk. Parkplätze sind Mangelware. Autos stehen trotz Parkzonen in zwei Spuren, obwohl in den Seitengassen freie Plätze zu finden wären. „Das sind die Anrainerparkplätze. Ich ärgere mich auch für meine Kunden, weil viele davon tagsüber frei bleiben, und man darf sich nicht darauf stellen. Mein Trafikportal ist dafür so zugeparkt, dass man es von der Landstraßer Hauptstraße aus kaum sehen kann.“

Stefan Fellner ist auf Nr. 29 zu finden. Trotzdem nimmt er’s gelassen. Er hat viele Stammkunden, und manche bleiben mit ihrem Auto rasch an einem Eck stehen, um sich bei ihm Zigaretten zu holen. „Da muss dann alles recht schnell gehen“, erklärt der pfiffige Trafikant. Während er das sagt, funkeln seine Augen gewitzt: „Weil ich das weiß, habe ich mein Trafikkonzept danach ausgerichtet.“

Regionalkrimis im Taschenbuch

Der Verkaufstisch erstreckt sich nahezu über die gesamte Geschäftsfläche, wobei vor allem zur Straßenseite hin verkauft wird. „Da kann jemand wirklich schnell herein springen und ist gleich wieder draußen. Steht einer irgendwo mit Warnblinkanlage, wird er sofort drangenommen. Die anderen Kunden haben dafür Verständnis. Gibt es manchmal mehr zu tun, dann haben wir auch die Möglichkeit, den Verkauf in den rückwärtigen Bereich des Geschäfts zu verlegen. Dort haben wir ebenso Zeitschriften und Magazine aufgelegt. Wir sind darin gut sortiert. Kunden können hier in Ruhe schmökern und werden nicht gestört. Da könnte ich mir künftig sogar Regionalkrimis im Taschenbuchformat vorstellen. Per Remission versteht sich. Die kosten etwa so viel wie eine Zeitschrift und sind bei vielen derzeit beliebt.“

Die Trafik von Stefan Fellner ist modern, hell und freundlich. Übernommen hatte er das Geschäftslokal 2013. Das sah aber noch ganz anders aus. Wieder lacht der Trafikant: „Ich war damals noch schottisch ausgerichtet, was heißt: Ich habe immer angestückelt. Das Produktsortiment wurde eben zunehmend erweitert. Aber irgendwann war es ein Fleckerlteppich. Meine Freundin Isabelle, die seit letztem Monat meine Frau ist, hat damals gesagt, das geht so nicht mehr. Ich sehe sie immer als meine kritischste Kundin und höre auf sie.“

Trafik-Design

2015 war es dann so weit. Stefan Fellner hatte Eigenkapital aufgebaut und beauftragte die Firma Trup Design mit der Neugestaltung der Trafik. „Natürlich habe ich ihnen meine genauen Vorstellungen gesagt, und sie hatten auch sehr gute Ideen. Ausschlaggebend war dann letztlich wieder meine Frau. Sie setzt Kundenfreundlichkeit vor Design und hat dafür das richtige G’spür. Denn wie heißt der Apothekerspruch: Die Mischung macht das Gift! Übrigens: Man hat uns danach tatsächlich für eine Apotheke gehalten, was sich natürlich rasch geändert hat“, lacht der Trafikant.

Erfahrung mit Trafiken gibt es in seiner Familie viel. Schon die Großmutter war Trafikantin im 4. Wiener Gemeindebezirk. Seine Mutter übernahm sie später. „Wir waren im sogenannten ‚Mühlviertel‘ nahe am Naschmarkt zu finden. Ich habe zu Schulzeiten ausgeholfen, dann habe ich dort meine Trafikantenlehre gemacht, also genau heißt es: Einzelhandel mit Schwerpunkt Tabak. Nach einem Verkehrsunfall bin ich jetzt leider auch mit einigen Halswirbeln bedient“, seufzt der sonst gutgelaunte Stefan Fellner erstmals. 

Lustig waren für ihn auch die letzten Jahre in der Familientrafik nicht mehr: „Sie lag in einer Seitengasse vom Naschmarkt, und es kamen immer weniger Leute. Das ist jetzt leider so, dass die alten Geschäftskerne der Nahversorgung zunehmend aufgelöst werden. Es bleibt oft nur mehr die Trafik übrig, und die ist dann die letzte, die schließen muss.“ 

Tabakqualität

Trotzdem erinnert sich Stefan Fellner noch gerne an die frühen Eindrücke aus seiner Jugend: „Wissen Sie, ich war etwa sieben Jahre alt, als als ich das erste Mal hinter der Budel gestanden bin. Da habe ich schon noch vieles miterlebt. Damals gab es noch die Trennung von Import- und Exporttrafiken. Ich erinnere mich, dass wir die roten Gauloises oder die ­Marlboro nicht verkaufen durften. Das war erst nach dem EU-Beitritt möglich. Smart, ­Memphis, Falk waren unsere Sorten und Feinschnitt.“

Dass er später eine Aufsteigertrafik übernehmen durfte, freut ihn noch heute. Und was er von seiner Familie mitgenommen hat, ist die Haltung, dass man sich nach den Kundenwünschen richtet: „Ich selbst wohne im 22. Wiener Gemeinde­bezirk, weil ich mir die horrenden Mieten hier im 3. Bezirk nicht leisten kann. Der Vorteil aber ist, dass die Bewohner hier bereit sind, auch mehr für Tabak auszugeben. Sie legen Wert auf Qualität und kennen sich mit Naturtabak gut aus. In meiner Umgebung sind gleich drei Bioläden und der tägliche Frischemarkt. Viele kommen danach auch bei uns vorbei. Wir verkaufen z. B. regelmäßig die Manitou green, die ziemlich hochpreisig ist. Aber am besten gehen bei uns die American Spirit. Auch Liquids werden zunehmend beliebter, und die Leute fragen nach den neuen USB-Feuer­zeugen. Also: Was sie wollen, geben wir ihnen.“

Schmunzelecke

Das mit den Wünschen hat manchmal allerdings seine Grenzen. „Vor Kurzem ist ein Herr zu uns gekommen und wollte Lottoscheine aus dem Jahr 1998 einlösen. Er habe drei davon und wolle sein Geld. Wir dachten zuerst, das sei ein Scherz. Schließlich hat er dann doch eingesehen, dass es zu lange her ist. Und einmal waren bei unserem Automaten Münz- und Geldscheinschlitze verstopft. Es stellte sich heraus, dass eine Kundin auf das Münzschlitz-Problem aufmerksam machen wollte, und deshalb die Nachricht in den Scheineschlitz gesteckt hat. Sie glaubte, dass die Info automatisch auf mein Handy übertragen würde. Sie war dann erstaunt, dass das nicht der Fall ist und hat sehr darüber gelacht.“

Das Lachen vergeht Stefan Fellner aber sofort wieder, wenn er an die neue Postzentrale am Rochus samt großer Einkaufsmall denkt. „1200 Menschen arbeiten dort. Es gibt daher seit September eine weitere Trafik in unmittelbarer Nähe. Ich bin neugierig, wie sich das auf die Einnahmen auswirken wird.“ 

Galgenhumor

Prinzipiell hält er allgemein einen guten Mix von Büros und Bewohnern für wichtig. Sonst droht streckenweise strukturelle Verödung. Alles sollte also mit Augenmaß geschehen. Doch die Stadtverwaltung überlegt weiter, aus der Landstraßer Hauptstraße eine Fußgängerzone zu machen. Der Trafikant steht der Idee recht skeptisch gegenüber, weil er für sich weitere Nachteile befürchtet: „In einer Fußgängerzone ist ein schneller Einkauf nicht mehr möglich, und weiter vorne ist gleich die U-Bahn Station samt Shoppingmall.“ 

Doch für Stefan Fellner sind Trafikanten sowieso die „Krönung der Menschheit“, wie er es in einem Anfall von Galgenhumor formuliert: „Viele von uns haben unglaubliche Schicksale hinter sich, sind wieder aufgestanden, statt in Selbstmitleid zu zerfließen. Was sind daher meine Sorgen gegen die Sorgen anderer?“ Daraus habe er viel gelernt und ist daher überzeugt: Wo ein Wille ist, wird sich künftig ein Weg finden, auch für ihn.

Original 2017 erschienen

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