Direkt zum Inhalt

„Wir können nicht tatenlos zusehen ...“

02.05.2013

Mit der Postkartenaktion an Kommissionspräsident Barroso sowie der laufenden nationalen Initiative hat der VCPÖ innerhalb eines halben Jahres zwei medial beachtete Initiativen gesetzt. Wir haben den Präsidenten deshalb zum Interview gebeten. (mh)

„Wir müssen dringend zu einer Versachlichung des derzeitigen Glaubenskrieges rund um die Themen Tabak und Nikotin zurückfinden.“

Inzwischen hat sich der VCPÖ in der Wahrnehmung vieler Menschen deutlich aus seiner Nische eines Händlerverbands herausbewegt und tritt nun initiativ sowohl auf nationaler wie internationaler Ebene gegen die TPD2 auf. Warum das?

Weil wir nicht zuschauen können, wie völlig irrational der Handel, aber auch der Tabakgenuss in der Gesellschaft ausgerottet werden sollen. Unser Verein kann und will eine Berufsvertretung nicht ersetzen, die Teil der politischen Strukturen ist. Wir setzen Komplementärmaßnahmen, welche der Industrie oder der Kammer wegen diverser Rücksichtnahmen nicht möglich sind.

 

Wie schafft es der vergleichsweise kleine VCPÖ, mit überschaubarem Budget und vermutlich auch kleinem Team so viel „Wirbel“ zu machen?

Wir sind klein, unabhängig und privat organisiert – damit können wir rasch reagieren und handeln. Industriebetriebe müssen Freigaben von anderen Konzernstellen einholen und auch innerhalb der Kammern ist eine interne Abstimmung erforderlich. Das fällt bei uns weg: Von der Idee bis zur Verhüllungsaktion 2010 haben wir drei Wochen gebraucht; die Barroso-Postkartenaktion „We say NO!“ stand innerhalb von nur zwei Wochen auf den Beinen.

 

Wie darf man sich den Entstehungsprozess einer solchen Aktion vorstellen?

Es gibt den sechsköpfigen Vorstand und das Cigar-Team, das sich um Projekte und Reisen kümmert. Dazu ein Sekretariat, das uns sehr effizient unterstützt und uns gleichzeitig im Hinblick auf die tägliche Arbeit den Rücken frei hält. Wenn nun eine Idee aufkommt – ob aus dem Inneren des Vereins oder von außen –, gibt es eine Diskussion über Sinn und Effekt geplanter Maßnahmen sowie eine rasche Abstimmung. Sobald wir das Okay haben, kann es recht schnell gehen. Wobei wir uns hinter den Kulissen sehr wohl mit anderen Marktteilnehmern abstimmen; an der laufenden „Liebe EU, es reicht!“-Aktion sind beispielsweise British American Tobacco und die Landesorganisationen der Kammer beteiligt.

 

Wie erreichen Sie mit Ihren Botschaften die Menschen außerhalb der Tabakbranche?

Um Medien und Menschen außerhalb unserer Branche zu informieren, ist eine APA-Meldung das ideale Mittel: Für ein paar Euro erreicht man Publikumsmedien mit vielen Lesern oder Zusehern. Und je besser die Formulierungen sind und je griffiger die Aussagen, desto größer ist die Chance,  dass über unsere Aktionen berichtet wird. Das war auch für uns ein Lernprozess.

 

Die „We say NO!“-Postkartenaktion an Kommissionspräsident Barroso wurde in Brüssel wahrgenommen. Haben Sie zur aktuellen Aktion „Liebe EU, es REICHT!“ schon Rückmeldungen aus der österreichischen Politik bekommen?

Wir haben zahlreiches Feedback erhalten. Derzeit haben wir sieben bis acht Reaktionen von Nationalratsabgeordneten und EU-Parlamentariern, die sich meist auf das Positionspapier des VCPÖ beziehen. Wenn mich ein Abgeordneter am Handy anruft, seine Sympathie bekundet und mir von sich aus einen Gesprächstermin anbietet, dann zeigt dies, dass unsere Taktik funktioniert: Aufmerksamkeit erregen, Medien bedienen und Druck auf die Politik erzeugen. Politiker sind vielbeschäftigte Menschen – aber wenn ein Thema öffentliche Beachtung findet, sind sie dabei. So wie bei der Pressekonferenz in Klagenfurt: Da haben wir schon im Vorfeld Informationen ausgeschickt, und Medien haben vorab berichtet. Beim Event in Klagenfurt waren dann zahlreiche Politiker vor Ort – und das macht das Ereignis wiederum für die Medien interessanter. Das ist ein Prozess der positiven Rückkopplung.

 

Soll die „Liebe EU, es REICHT!“-Aktion auf andere Bundesländer ausgeweitet werden?

St. Pölten und Klagenfurt waren Pilotprojekte. Am 4. April geht es in Linz, am 25. in Innsbruck und am 26. in Salzburg weiter. Interesse und Unterstützung des jeweiligen Landesgremiums sind da; es wird gemeinsame Pressekonferenzen geben. Die Postkarten zur Aktion sollen aber ab Mitte April österreichweit in allen Trafiken aufliegen.

 

Wie läuft diese Postkartenaktion an Bundeskanzler Faymann und die EU-Fraktionsführer von SPÖ und ÖVP ab? 

Die ausgefüllten Postkarten werden vom Außendienst eines Großhändlers eingesammelt und zu strategisch günstigen Zeitpunkten einzeln frankiert von uns abgeschickt. Damit erhalten die Adressaten blockweise eine Kartenmenge, die nicht zu übersehen ist. Dazu besteht auf der Website www.eu-es-reicht.at die Möglichkeit, elektronische Postkarten zu versenden. Dort findet sich übrigens auch unser Positionspapier.

 

Aus den Parlamenten zahlreicher Mitgliedstaaten der EU wird Kritik der Abgeordneten an der TPD2 laut. Allerdings stehen die delegierten Rechtsakte im Mittelpunkt. Besteht nicht die Gefahr, dass tabakspezifische Kritikpunkte vor diesem Hintergrund undiskutiert „durchgewunken“ werden?

Das EU-Parlament wird noch heuer über die TPD2 entscheiden. Hier erwarten wir uns nicht viel, weil die Grundstimmung dort tabakfeindlich ist. Der Europäische Rat ist eine andere Sache – hier informieren wir national.

Die versuchte Umgehung künftiger demokratischer Prozesse durch delegierte Rechtsakte trifft die Politiker ins Mark: Abgeordnete wollen keine Kompetenzen abgeben. Diese Reflexe sind stärker als das Interesse am Thema Tabak. Leider findet eine inhaltliche Auseinandersetzung kaum statt, weil die große Überschrift „Gesundheit“ als Totschlagargument der Political Correctness jede Diskussion erstickt.

 

Aus Deutschland mehren sich die politischen Stimmen, welche fordern, dass der Nachweis der effektiven Wirksamkeit geplanter Maßnahmen auf den Konsum vorab zu erbringen sei. Mit diesem Ansatz bliebe von den zahlreichen Einschränkungen der TPD2 nicht viel übrig – haben Sie diesbezüglich Hoffnungen? 

Das ist ein strategisch ausgerichteter und höchst notwendiger Ansatz. Ganz allgemein sehe ich das dringende Erfordernis, die Diskussion weg von einem „Glaubenskrieg“ zu führen und wieder zu versachlichen. So richtig diese Herangehensweise ist, tue ich mich aber schwer damit, die Erfolgsaussichten abzuschätzen.

 

Apropos Politik: In der Tabakbranche haben Sie eine hohe Bekanntheit und einen guten Ruf. Haben Sie jemals überlegt, für ein Amt – ob Standesvertretung oder andere Bereiche – zu kandidieren? 

(lacht) Ich stehe mit Sicherheit für keine politische Funktion zur Verfügung. Ohne Parteibuch – und ich hatte nie eines – wären meine Chancen zudem nicht gerade toll. Selbst für den VCPÖ werde ich nicht ewig zur Verfügung stehen. Der Verein bietet mir aber, auch durch die Ehrenamtlichkeit meiner Funktion, ein Maß an Freiheit und Handlungsmöglichkeiten, die ich woanders nicht hätte. Und die ich sehr zu schätzen weiß.

 

Danke für das Gespräch.

Autor/in:
Redaktion Trafikantenzeitung
Werbung

Weiterführende Themen

VCPÖ-Präsident Fischer, BAT-Unternehmenssprecherin Mag. Karin Holdhaus und WK NÖ-Landesgremialobmannstellvertreter Josef Prirschl stellen die neue Postkartenaktion vor
Meldungen
25.02.2013

In der Branche herrscht Einigkeit darüber, dass der Entwurf der EU-Kommission zur neuen Tabakprodukterichtlinie unverhältnismäßig und übertrieben ist. Am Freitag, dem 22. Februar 2013, wurde vor ...

Meldungen
06.09.2012

Auf Initiative des VCPÖ und unter Mitwirkung des Bundesgremiums sowie der MVG fiel auf der Creativ-Messe in Salzburg der Startschuss zu einem groß organisierten Protest der österreichischen ...

Meldungen
22.10.2009

Die Vergeßlichkeit hinsichtlich der Braunware - sie wurde jüngst erst wieder im Zuge der zehnprozentigen Handelsspannenerhöhung offenbar, aus welcher der Solidaritätsfonds gespeist wird - war nie ...

Meldungen
12.01.2009

Die Fülle der Tage mit Widmung (Tag des Baumes, des Apfels, des Brotes...) läßt schon kaum mehr einen freien Termin offen. Dennoch wurde ein solcher, nämlich der 20. Februar, gefunden, an dem man ...

Werbung