Sie leben vegan, tracken ihre Schritte, posten Yoga-Routinen und reden offen über Mental Health. Doch aktuelle Zahlen zum Rauchverhalten der Gen Z sorgen nun für eine veritable Überraschung: In einem Spannungsfeld aus sozialem Druck, wirtschaftlicher Unsicherheit und ständiger Selbstoptimierung erlebt klassisches Rauchen gerade bei den jüngeren Generationen ein unerwartetes Comeback. Wie passt das zusammen? Während sehr lange Zeit niemand mehr mit Raucherposen kokettiert hat, präsentieren sich internationale Pop-Stars wie Charli XCX, Dua Lipa oder Sabrina Carpenter heute wieder sexy und rebellisch mit einer Zigarette zwischen den Fingern. Markus Lindblad vom schwedischen Online-Händler Haypp betont, dass dieser neue Hype besonders bei jungen Menschen an Dynamik gewinnt. „Über Jahrzehnte hinweg hat der Anteil von Nichtraucher*innen stetig zugenommen. Doch laut den Ergebnissen einer neuen DEBRA-Studie ist zwischen 2024 und 2025 alleine in Deutschland die Quote der Raucher*innen bei den 18- bis 24-Jährigen von 25,7 auf 32,3 Prozent angestiegen.“
Nostalgie liegt voll im Trend
Typisch für die Generation Z ist dabei, dass sie herkömmliche Tabakzigaretten nicht als Auslaufmodell sondern vielmehr als Teil einer Retro-Nostalgie betrachtet. Wie Polaroid-Kameras, Vinyl-Schallplatten oder MP3-Player gehört das Rauchen zu einer wiederkehrenden Ästhetik, die mit Vintage-Kleidung und „Revivals“ aus den 1990er- und frühen 2000er-Jahren einhergeht. Wie einst ein Starbucks-Becher, ein Blackberry oder ein Stanley-Cup-Trinkgefäß wird die Zigarette als zeitloses Accessoire gesehen, das auf Paparazzi-Bildern und Streetstyle-Fotos nicht fehlen darf. So hat beispielsweise der Instagram-Account „Cigfluencers“ seit 2021 über 500 Beiträge von rauchenden Schauspielern, Musikern und Models geteilt – und begeistert damit über 100.000 Follower:innen, die die wöchentlichen Posts mit den Fotos und Videos der Stars regelmäßig kommentieren. „Zigaretten sind wie Bluejeans – sie überleben jeden Trendzyklus“, erklärt Cigfluencers-Betreiber Jared Oviatt. „Der Traum von Stabilität, dem Eigenheim und finanzieller Sicherheit wird für viele Menschen zunehmend unerreichbar. Deshalb fragen sich viele: Warum mache ich nicht einfach das, worauf ich Bock habe – und rauche einfach?“
Ikonische Momente auf dem Laufsteg
Während des Scrollens durch auf die Gen Z fokussierten Social-Media-Kanäle wird eines rasch klar: Mode, TV-Serien und Popkultur spiegeln unsere Gesellschaft wider und reflektieren kulturelle Werte, Stimmungen und Machtverhältnisse. Komplett verschwunden waren Zigaretten nie. Speziell bei den großen Fashion Weeks in Paris, Mailand oder New York wurden diese immer wieder gezielt als ästhetische Stilmittel oder Requisiten eingesetzt – nicht zuletzt, weil sie ikonische Momente visuell mitgeprägt oder erst ermöglicht haben. Besonders berühmt ist Kate Moss‘ Auftritt bei der Louis-Vuitton-Show im März 2011: Rauchend drehte sie die Abschlussrunde auf dem Laufsteg. Ein kalkulierter „Tabubruch“, den Designer Marc Jacobs damit erklärte, man wolle keine anonymen Models, sondern Charaktere mit ihren Gewohnheiten zeigen. Auch auch in den neuen Film- und Serienproduktionen großer Streaminganbieter wird aktuell wieder mehr geraucht: Einzelne Rauch-Szenen gab es etwa bei 71 Prozent der Netflix-Produktionen, bei 60 Prozent der Amazon Prime-Serien und bei 88 Prozent der Serien anderer Streaming-Dienste zu sehen.
Auf den Spuren der Bohème
Als besonders tabakaffin gilt seit jeher die europäische Kunst- und Kulturszene: Hier wurde seit dem 19. Jahrhundert mehr oder weniger durchgeraucht – und oft wird die Zigarette in den Arbeiten von berühmten Künstler:innen thematisiert. Henri de Toulouse-Lautrec stellt in „Frau mit Zigarette“ (1890) eine Szene aus dem Pariser Nachtleben nach. Vincent van Goghs „Kopf eines Skeletts mit einer brennenden Zigarette“ (1886) spielt mit dem Motiv der Vergänglichkeit. Marcel Duchamps Fotografie „Cigarette“ (1911) reduziert das Motiv auf seine grafische Form. Lucian Freud zeigt in „Boy Smoking“ (1950) einen jungen Mann mit Zigarette als Symbol für Rebellion und Jugend. Nan Goldin dokumentiert und inszeniert in ihren Fotografien das Rauchen in privaten Momenten – oft in Clubs, Schlafzimmern oder Bars. Sarah Lucas baute ganze Skulpturen aus Zigaretten und kombinierte sie mit Alltagsgegenständen und Körperfragmenten. Xu Bings berühmtes „Tobacco Project“ ist eine dreiteilige Installation, in der der chinesische Konzeptkünstler Zigaretten als Material nutzt, um die globale Tabakkultur und ihre koloniale Geschichte zu reflektieren.
Typisch für die Generation Z ist dabei, dass sie herkömmliche Tabakzigaretten nicht als Auslaufmodell sondern vielmehr als Teil einer Retro-Nostalgie betrachtet.
Gerade im kulturellen Bereich wird der Tabakkonsum oft symbolisch aufgeladen – denn eine einzige Zigarette sagt im richtigen Kontext eben sehr viel aus. So ist das neue Rauch-Comeback der Gen Z – angetrieben von viralen Musikvideos und international gefeierten Popstars – nicht allzu verwunderlich. Die New Yorker Journalistin und Autorin Esther Zuckerman beschreibt die Wesenszüge der jungen Retro-Raucher*innen durchaus treffend: „Wer sich dafür entscheidet, ist jemand mit einer Portion hedonistischer Lässigkeit, der zugleich ein bisschen über allem steht, was in der heutigen Welt so passiert“. ■
Über DEBRA
Die Deutsche Befragung zum Rauchverhalten („DEBRA-Studie“) ist eine alle zwei Monate durchgeführte repräsentative Befragung zum Konsum von Tabak, verwandten Nikotinprodukten (wie E-Zigaretten und Tabakerhitzer) und Cannabis in der Bevölkerung Deutschlands. Im Rahmen der DEBRA-Studie werden jeweils etwa 1.500 Personen im Alter von 14 bis 64 Jahren zu Hause persönlich befragt. Die Ergebnisse zeigen, wie sich der Konsum von Tabak, neuen Nikotinprodukten und Cannabis entwickelt und welche Faktoren damit zusammenhängen.