Vernichtendes Zeugnis für die Anti-Tabak-Strategie der WHO

Studie
20.06.2022

 
Die Weltgesundheitsorganisation schießt aus allen Rohren auf Tabak und sicherheitshalber auch auf Nikotin. Eine brandaktuelle Studie untersucht, ob dieser Furor gerechtfertigt und vor allem zielführend ist.
Die Sterblichkeitsrate an tabakbezogenen Krankheiten ist aber die selbe.

Der prinzipielle „quit or die“-Ansatz der Weltgesundheitsorganisation wird seit 2005 mit dem Maßnahmenpaket MPOWER (Monitor tobacco use, Protect people, Offer help, Warn about dangers, Enforce bans, Raise taxes) kombiniert. Die Signatarstaaten der Framework Convention on Tobacco Control (FCTC) sollen demnach das Rauch- und Konsumverhalten im Auge behalten, Nichtraucher vor den Gesundheitsfolgen des Tabaks schützen, Raucher und potenzielle Einsteiger vor den Risiken warnen, Verbote forcieren und die Tabaksteuern erhöhen.

Demographisches Problem

Allerdings leben fast 80 Prozent der rund 1,1 Mrd. Raucher in Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen. Diese Staaten können sich das Maßnahmenbündel der FCTC schlichtweg nicht leisten, weshalb in 49 Ländern keine der geforderten Schritte zur Tabakkontrolle gesetzt wurden.

Studie als „Funktionstest“

Doch wie sieht es in jenen Staaten aus, die – auf unterschiedlichem Niveau – die WHO-Empfehlungen befolgen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen vorbildlicher MPOWER-Erfüllung und niedriger Sterblichkeit in Zusammenhang mit Nikotinprodukten? Dieser Frage ging der Suchtforscher Dr. Lars M. Ramström in einer Studie nach.

Zu diesem Zweck stellte Ramström die MPOWER-Erfüllungsquote der Tobacco Control Scale TCS den Sterblichkeitszahlen von The Global Burden of Desease GBD gegenüber. Letztere liegen zwischen 100 pro 100.000 Einwohner in Ländern wie Großbritannien, Deutschland und der Schweiz und 350/100.000 in der Ukraine bzw. 300 in Russland.

Während im Fall der Briten ein hoher TCS-Score von 80 die niedrigeren Todeszahlen erklären könnte erreichen Deutschland und die Schweiz die selben Werte – allerdings mit einem TCS-Score von nur 40. Noch dramatischer wird es mit Blick auf Schweden und Norwegen: Beide Länder liegen mit einem TCS-Wert von 52 deutlich unter EU-Schnitt (Österreich: 50), schlagen mit ihrer minimalen tabakbedingten Sterblichkeitsrate jedoch sämtliche Staaten mit höherer MPOWER-Erfüllung.

Harm Reduction funktioniert

Die Erklärung ist offensichtlich: In beiden Ländern und ganz besonders in Schweden verwendet eine Mehrheit der männlichen Nikotin-Konsumenten Snus bzw. Nikotinpouches. Frauen haben hier noch Aufholbedarf, sie machen einen geringeren Teil dieses Konsums aus.

Dazu meint Dr. Ramström: „Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass MPOWER in Europa nicht wie geplant funktioniert. Sie beweisen auch, dass der Umstieg auf Snus oder All Whites eine deutlich effektivere Strategie zur Reduktion der tabakbedingten Sterblichkeit darstellt als sämtliche von der WHO empfohlenen Maßnahmen.“

Forderungen an WHO und Nationalstaaten

Mit dieser Erkenntnis müsse sich auch die WHO umorientieren – weg von ihrer Verweigerung des Prinzips der Harm Reduction und hin zu seiner Förderung. Ramström regt auch an, dass die Nationalstaaten ihren Beitrag in diese Richtung leisten und Nikotinprodukte strikt nach ihrer Schädlichkeit besteuern sollten – womit Snus, E-Zigaretten, tabakfreie Nikotinpouches und Tabak zum Erhitzen für die Konsumenten billiger würden als die weitaus schädlichere Tabakzigarette.

Dem schließt sich auch der Mitgründer des Global Forum on Nicotine, der emeritierte Professor Gerry Stinson vom Imperial College London, an: „Der Umstieg der Raucher auf sicherere Nikotinprodukte senkt die Raucherquote, was die Empfehlungen der WHO seit 20 Jahren nicht geschafft haben.“ Die neuartigen Nikotinprodukte hätten das Potenzial, das Ende des klassischen Rauchens einzuläuten. Die WHO wäre deshalb gut beraten, diese Erkenntnisse in ihre MPOWER-Strategie aufzunehmen: Encourage smokers to switch to safer nicotine products und Deliver accurate information about safer alternatives – also die Raucher zum Umstieg auf sicherere Nikotinprodukte zu ermutigen und dazu auch gleich die nötigen Informationen über diese Alternativen zur Verfügung zu stellen. Derzeit wirft die WHO noch sämtliche Tabak- und Nikotinprodukte in den selben Topf und fordert unterscheidungslos ihre strenge Reglementierung bis hin zum Totalverbot.