Weckruf an die Politik

KMU Forschung Austria
08.06.2022

 
Der EU „Cancer Beating Plan“ sieht vor, Europa bis zum Jahr 2040 angesichts einer angestrebten Raucherquote von maximal 5 Prozent zum Nichtraucherkontinent zu machen. Und nun setzt sich auch das österreichische Gesundheitsministerium mit der „Tabak- und Nikotinstrategie 2021-2027“ ähnliche Ziele. So weit, so bekannt.
Im besten Fall der drei Rechenbeispiele wirtschaften 62 Prozent aller Trafikant*innen negativ.

Was wäre, wenn …

Welche Auswirkungen eine Zielerreichung für die Trafikant*innen hätte hat sich aber noch niemand durchgerechnet. Weshalb das Bundesgremium der Tabaktrafikanten die KMU Forschung Austria mit einer Evaluierung beauftragt hat, deren Ergebnis am 8. Juni in den Räumlichkeiten der Wirtschaftskammer Wien vorgestellt wurde.

Nachdem das Zieljahr 2040 auch für die Politik noch in gemütlicher Ferne liegt hat man sich angesehen, was eine für eine Zielerreichung nötige Entwicklung im Jahr 2030 – also in nur acht Jahren – für Auswirkungen hätte.

Dazu ein paar Basiszahlen: 2019 erzielte eine Durchschnittstrafik 89 Prozent ihrer Deckungsbeiträge mit Tabakwaren und nur je vier Prozent mit Zeitungen und Nebenartikeln sowie drei Prozent mit Provisionserträgen des Glückspiels. Eine Trafik hängt also auf Gedeih und Verderb von der Entwicklung des Tabakgeschäfts ab.

Drei Szenarien, jedes Mal erschreckend

86 Prozent aller Trafiken würden negativ bilanzieren.
Sinkende Raucherquote und steigender Anteil nicht im Inland versteuerter Ware würden 86 Prozent aller Trafiken in negative Bilanzen treiben, wenn es keine geeigneten Gegenmaßnahmen gibt.

Bei einer aktuellen Raucherquote von grob 25 Prozent setzt ein 2040 erreichtes Ziel von 5 Prozent bei linearem Kurvenverlauf im Jahr 2030 eine auf 13 Prozent reduzierte Raucherquote voraus. Also fast eine Halbierung der Nachfrage für Zigaretten & Co.

  1. Bleiben dabei Grenzverkehr (11%) und illegaler Erwerb (6%) gleich, so sinkt der Umsatz um 25,9%, die Betriebsleistung reduziert sich von +25.320 Euro auf -8.088 Euro. Womit 71 Prozent aller Tabakfachgeschäfte ein kalkulatorisch negatives Betriebsergebnis hätten.
  2. Nehmen grenzüberschreitender Einkauf und Schwarzmarkt jedoch auf 20 bzw. 14% zu, so bricht der Umsatz um 37,8 Prozent ein, die Betriebsleistung dreht sich von +25.320 auf minus 23.438 Euro und 86 Prozent aller Trafiken haben ein negatives Jahresergebnis.
  3. Bei Annahme von weniger Cross-Border-Shopping (5%) und kleinerem Schwarzmarkt (2%) sinkt der Umsatz „nur“ um 18,9 Prozent, die Betriebsleistung von +25.320 auf immerhin noch positive +941 Euro und „nur“ 62 Prozent aller Trafiken erwirtschaften ein negatives kalkulatorisches Betriebsergebnis.

Alarmsignal für die Politiker

Selbst im „besten“ Fall des dritten Szenarios ist die Vertriebsstruktur des Tabakmonopols nicht aufrecht zu erhalten, weil längerfristig sechs von 10 Trafiken zusperren müssten. Dabei liegen die Grundannahmen von fünf Prozent Grenzverkehr und zwei Prozent Schwarzmarkt ohnehin schon in der Region des viel zitierten Briefs ans Christkind.

Bundesgremialobmann Josef Prirschl stellt deshalb fest: „Es besteht akuter politischer Handlungsbedarf, die Zukunft der österreichischen Trafikanten zu sichern! Wir Trafikanten gehören zur österreichischen Kultur und – noch viel wichtiger – das heimische Tabakmonopol schafft seit rund 238 Jahren Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung, die sich mit einer eigenen Trafik ein Unternehmen aufbauen können.“

Der Forderungskatalog

Das Bundesgremium stellt deshalb eine Reihe von Forderungen auf, um die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit der Trafikanten zu sichern:

  • Verkauf rauchbarer Hanfprodukte unter 0,3% THC ausschließlich in Trafiken und Weiterentwicklung des Tabakmonopols um weitere sensible Genussmittel, allen voran neuartige Tabakerzeugnisse wie z. B. Nikotinpouches.
  • Lotterieprodukte sollen (spätestens ab der Neuvergabe der Lizenz 2027) exklusiv in Trafiken vertrieben und das Online-Glückspiel soll wie im Tabakmonopolgesetz geregelt werden.
  • Einführung einer 200-Stück-Regelung für den privaten grenzüberschreitenden Einkauf von Tabakwaren durch Privatpersonen sowie aktive Eindämmung des Schwarzmarktes.

Politik in der Verantwortung

Das Tabakmonopol ist für den Staat ja eine bequeme Lösung: Als Angestellte schwer vermittelbare Menschen müssen nicht durch teure Transferleistungen wie Arbeitslosengeld, Notstandshilfe und Frühpension finanziert werden, sondern erwirtschaften auf eigenes Risiko als Unternehmer alljährlich 2,7 Mrd. Euro an Steuerleistung.

Bei aller Verständlichkeit der gesundheitspolitischen Ziele liegt es nun auch an Vater Staat, diesen mehrheitlich behinderten Selbständigen ihr längerfristiges geschäftliches Überleben mit geeigneten Rahmenbedingungen zu sichern. Mit dem typisch österreichischen Weiterwurschteln ohne Plan wird das nicht gehen.