Auf den ersten Blick sehen die Zahlen gar nicht schlecht aus. Die weltweite Raucherquote sinkt, zwischen 2000 und 2024 ging die Zahl der Zigarettenraucher laut WHO von 975 auf rund 830 Millionen zurück. Doch der „Global State of Tobacco Harm Reduction 2026“ schaut genauer hin – und dort verliert die Erfolgsgeschichte einiges von ihrem Glanz. Der Rückgang beim Rauchen wird langsamer, in manchen Regionen stagniert er, in 18 Staaten soll die Raucherquote bis 2030 sogar wieder steigen. In Afrika, im östlichen Mittelmeerraum und im Westpazifik könnte die absolute Zahl der Raucher aufgrund des Bevölkerungswachstums höher liegen als noch im Jahr 2000.

Die klassischen Instrumente der Tabakkontrolle haben zweifellos Wirkung gezeigt. Der Report argumentiert jedoch, dass ihre zusätzlichen Effekte zunehmend kleiner werden. Besonders auffällig: Länder wie Norwegen, Island, Großbritannien, Neuseeland, Schweden und Kanada gehören zu jenen mit besonders starken Rückgängen beim Rauchen – und gleichzeitig zu den Vorreitern bei Tobacco Harm Reduction. Die naheliegende Frage wäre also, ob man daraus etwas lernen könnte. Bei der WHO scheint die Begeisterung für diese Fragestellung weiterhin überschaubar.

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200 Millionen haben längst abgestimmt

Zeitreihen aus 28 Ländern zeigen ein wiederkehrendes Muster: Mit steigender Nutzung nicht verbrannter Produkte sinkt das Rauchen. In Schweden, Norwegen, Island, Neuseeland und Großbritannien haben sich die Kurven bereits gekreuzt – dort werden SNP inzwischen häufiger genutzt als Zigaretten. Der Report spricht von einem regelrechten „Scherenmuster“. Das beweist für sich genommen noch keine Kausalität, ist über zahlreiche Länder hinweg aber schwer als bloßer Zufall abzutun.

Auch die Evidenz für den Rauchstopp wird stärker. Die aktualisierte Cochrane-Analyse 2025 kommt laut Report mit hoher Evidenzsicherheit zum Ergebnis, dass nikotinhaltige E-Zigaretten höhere Ausstiegsraten erzielen als klassische Nikotinersatztherapien. In einer aktuellen australischen Studie mit sozial benachteiligten Rauchern lagen die nach sechs Monaten bestätigten Abstinenzraten bei 28,4 Prozent mit Vapes gegenüber 9,6 Prozent mit Nikotinersatztherapie.

Regulieren, bis die Zigarette wieder attraktiv wird

Parallel zu dieser Entwicklung bewegt sich die Regulierung allerdings häufig in die entgegengesetzte Richtung. Zwischen Anfang 2025 und März 2026 führten mindestens zehn Länder neue Verbote für eine oder mehrere Kategorien risikoärmerer Produkte ein. Insgesamt gibt es in 73 Staaten mit rund 1,9 Milliarden Einwohnern keine einzige legal verfügbare SNP-Kategorie. Die bemerkenswerte Konstante dabei: Verbrennbare Zigaretten bleiben überall legal erhältlich. In Kombination mit den dräuenden Verschärfungen der Vorgaben für NGPs durch die TPD3 muss man die Ironie nicht lange suchen. Das mit Abstand schädlichste Produkt steht weiterhin im Regal, während seine weniger schädlichen Konkurrenten verboten, geschmacklich kastriert, mit Steuern verteuert oder mit Nikotinlimits versehen werden, die ihre Funktion als Zigarettenersatz gleich mit beseitigen. In Dänemark soll etwa eine Obergrenze von neun Milligramm Nikotin pro Pouch rund 90 Prozent der Produkte vom Markt nehmen. Eine vom Report zitierte Modellierung erwartet, dass 35 Prozent der Nutzer auf den Schwarzmarkt ausweichen und 13 Prozent wieder zur Zigarette greifen könnten.

Damit wird aus Vorsorge schnell eine Politik mit ziemlich vorhersehbaren Nebenwirkungen. Der Report warnt vor illegalen Märkten und vor einer Rückkehr zum Rauchen, wenn attraktive und wirksame Alternativen künstlich verteuert oder beseitigt werden. Dazu kommen interessante soziologische Phänomene wie die Trend zur Zigarette in der Gen Z (siehe entsprechenden Artikel hinten im Heft).

Die WHO bleibt im Schützengraben

Den größten Anteil an dieser Entwicklung schreibt GSTHR weiterhin der WHO und dem FCTC-System zu. Auch 2025 wurde bei COP11 Harm Reduction erneut kontrovers behandelt. Allerdings gibt es erstmals sichtbare Risse in der Front: Neuseeland führte seinen starken Rückgang beim Rauchen ausdrücklich auf reguliertes Vaping zurück, Nordmazedonien bezeichnete Harm Reduction als Eckpfeiler seiner Politik, auch mehrere weitere Länder verlangten eine stärkere wissenschaftliche Auseinandersetzung. Eine Entscheidung wurde – wie so oft – vertagt, diesmal auf COP12 im Jahr 2027.

Unterdessen zeigt sich, was jahrelange Risikokommunikation angerichtet hat. Selbst in Großbritannien, einem internationalen THR-Vorreiter, glauben mittlerweile 53 Prozent der Raucher, Vaping sei genauso schädlich oder schädlicher als Rauchen. Das ist nicht bloß ein Kommunikationsproblem: Studien zeigen laut Report, dass Menschen, die das geringere Risiko von Vapes korrekt einschätzen, später auch eher von der Zigarette wechseln. Und während über Langzeitfolgen weiter geforscht werden muss, zeigen sich inzwischen erste positive Signale auch bei Gesundheitsdaten in Schweden, Norwegen, Japan und Neuseeland. Der Report weist ausdrücklich darauf hin, dass daraus noch keine eindeutige Kausalität abgeleitet werden kann. Die Richtung ist dennoch bemerkenswert.

Die Frage ist daher immer weniger, ob Tobacco Harm Reduction funktioniert. Die interessantere Frage lautet inzwischen, wie viele Raucher noch unnötig weiterrauchen müssen, bis auch die WHO bereit ist, das zur Kenntnis zu nehmen. ■

Über den
GSTHR-Report

Der 2026er Report wurde von der britischen NGO Knowledge•Action•Change erstellt und durch einen Grant von Global Action to End Smoking finanziert. Laut Report hatte der Geldgeber keinen Einfluss auf Design, Datenanalyse, Interpretation oder Veröffentlichung. Der gesamte Report in englischer Sprache kann hier downgeloadet werden:
www.gsthr.org