Trafikantenzeitung: „Wien ist anders.“ Das war ja sehr lange der Werbespruch der Stadt Wien. Wie ist deine Einschätzung dazu aus Sicht der Trafiken?

Andreas Schiefer: Ich bin jetzt seit 30 Jahren Trafikant, und dass Wien anders ist, habe ich relativ rasch gemerkt. Als Obmann habe ich es dann noch einmal gemerkt. Jeder Bezirk ist intern in Wien noch einmal anders. Diese Individualität ist etwas Feines, und die gilt es zu erhalten. Ich habe ja im 21. Bezirk in der Großfeldsiedlung eine Trafik gehabt. Dort war das ganz anders als hier. Das sind gerade einmal drei oder vier Kilometer Entfernung – und trotzdem ist es ein komplett anderes Sortiment, das dort funktioniert. Dem muss man als Unternehmer oder als Trafikant Rechnung tragen, dann funktioniert es.

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Deshalb bin ich auch ein Verfechter davon, dass man einen gewissen Regalanteil, eigentlich einen Regalmeteranteil, frei haben sollte, damit der Kollege, die Kollegin oder wir uns an unserem Umfeld orientieren können. Damit wir gewisse Sachen anbieten können, die eben nur dort funktionieren. Das wäre am Land vielleicht auch gescheit.

Was Wien auch noch einmal ganz anders macht: Wir haben relativ viele kleine Geschäfte, meist auch relativ hohe Mieten. Das heißt, da muss man die Situation schon anders bewerten. Die Sachverständigen bewerten das ja, aber man sieht es dann eben auch. Das ist genau das, was mir gefällt, und daran muss man sich orientieren. Dass der Wiener ein bisschen raunzender unterwegs ist, ist auch schön. Das gehört irgendwie dazu. Die Trafik als solche ist in Wien schon eine Institution, die es zu erhalten gilt.

Für mich war Corona so ein Punkt, als alles geschlossen hatte. Wenn Pensionisten oder Leute, die alleine waren, dreimal am Tag gekommen sind und ein Brieflos gekauft haben, nur damit sie ein paar Worte reden können, dann sieht man: Wir haben in Wien sozialpolitisch und gesellschaftlich auch eine riesige Bedeutung.

Jetzt hast du hier rundherum sehr viele Firmen – die Bank Austria und viele andere. Nebenbei wird auch relativ viel Wohnraum entwickelt. Wie groß ist das Einzugsgebiet rundherum? Geht das bis zum Praterstern?

Genau. Die unmittelbaren Nachbarn sind dann die drei Praterstern-Trafiken und der Kollege in der Lassallestraße. Das muss man halt alles ein bisschen anders bewerten. Die Lassallestraße ist vierspurig und fast wie ein Zaun. Das sieht man auch bei diesen Neubauten, die überall in Wien entstehen. Früher war es so: Du hattest links und rechts Ausgänge, fertig. Wenn du dir die Siedlung hier anschaust: Du kannst links weggehen, rechts weggehen, vorne, hinten, oben. Du kannst aus der Garage wegfahren. Deshalb braucht man heute auch viel mehr Einwohner, um eine Trafik betreiben zu können.

Weil die Verkehrsströme nicht mehr so gelenkt sind wie früher.

Viele Bauträger denken nicht mehr daran. Früher war es so, da hat einer gesagt: Ich baue da jetzt ein Ding mit zwei, drei Geschäften und einer Trafik. Heute müssen die Leute dann hingehen und sagen: „Ernsthaft, wollen Sie keine Trafik?“ Dann kommen noch diverse Architekten dazu, denen ihre Fassaden, Fenster und Ideen, die sie da verwirklicht haben, heilig sind.

Nahversorgung ist ja eine Kernaufgabe der Trafik.

Auch ein sorgfältig kuratiertes Zeitschriftenregal gehört dazu. © Markus Höller

Mit dem Begriff Nahversorger und Trafik habe ich ein generelles Problem. Ich bin gerne Genussversorger. Nahversorgung ist ein bisschen etwas anderes. Das hat eher damit zu tun, ob ich mit Essen, Trinken und sonstigen Dingen überleben kann. Wir verkaufen Genuss.

Aber Leute, die in die Trafik kommen, wollen ja Nikotin haben. Vielleicht wollen sie es gar nicht, aber sie brauchen es.

Ich verkaufe schon noch Genuss, und dabei bleibe ich. Jeder Erwachsene weiß hoffentlich, was er tut. Die dürfen alle wählen gehen. Dann darf er auch entscheiden, ob er Zigaretten, Zigarren, Pouches oder sonst etwas konsumieren will.

Wenn die Leute hereinkommen und ihr Nikotin-Bedürfnis stillen wollen, ist zum Beispiel im Fall eines Blackouts eine Trafik durchaus im Zentrum des Geschehens. Bis hin zum Extremfall, dass die Trafik auch als weiches Ziel für Kriminalität gilt. Siehst du das in Wien auch anders als am Land?

Das ist meistens Beschaffungskriminalität. Da geht es nicht darum, dass einer reich wird.

Das sind meistens Impulstaten.

Genau. Wenn man sich damit beschäftigt und gut damit umgeht, ist das trotzdem immer unangenehm, wenn Gewalt angedroht wird. Das brauchen wir nicht zu diskutieren. Aber wenn man sich vorher gemeinsam mit den Mitarbeitern damit beschäftigt hat, dann gibt man das Geld her, und die Geschichte ist erledigt. Der Rest ist dann ein Versicherungsfall.

Haben wir davon ausgehend die Wahrnehmung, dass eine Trafik in Bad Ischl weniger wahrscheinlich überfallen wird als eine im 15. Bezirk?

Ja, genau. Wien hat rund zwei Millionen Einwohner. Das heißt, das Potenzial derer, die so etwas machen, ist ganz einfach größer, weil mehr Leute da sind. Und es gibt mehr Möglichkeiten, Drogen zu konsumieren, als es anderswo der Fall ist.

Wie ist es abgesehen vom Raub mit Vandalismus oder Automatenknackern? Ist das auch ein Thema?

Ja, das ist immer wieder ein Thema. In Wien hast du auch sehr viel Vandalismus, bei dem es lediglich darum geht, Schaden anzurichten.

Aufsprengen zum Beispiel. Dumme Buben, die das filmen.

Genau, die haben sich dabei gefilmt. Irgendwo auf TikTok gibt es ein Video: Ha, ha, ha – und fertig. Man kann es nicht ganz ausschließen. Aber man muss sich schon überlegen, ob die Automaten gut angeschraubt sind. Ich bin in Wien sowieso ein Fan davon, Automaten so gut es geht einzubauen. Denn es ist auch ein Thema, wenn sie auf öffentlichem Grund stehen: Durchgangsbreiten, Genehmigungen usw.

Du bist auch Wiener Landesgremialobmann. Wie lange bist du das schon? Und wie lange bist du generell schon im Kammerwesen tätig?

Begonnen habe ich 1996 als Trafikant, nach drei Jahren habe ich schon einmal in die Kammer hineingeschnuppert. Ich habe dann immer wieder mitgearbeitet: in der Wohlfahrtseinrichtung, den Trafik-Plus-Geschäftsführer gemacht und solche Sachen. Wiener Obmann wollte ich ursprünglich eigentlich gar nicht werden. Aber dann habe ich gedacht: Das gehört dazu, und das mache ich jetzt. Und ich mache es auf meine Weise. Mir ist aber durchaus bewusst, dass ich es nicht jedem recht machen kann.

Wie läuft der Austausch mit den Trafikant*innen in Wien? Kommen die auf dich zu? Oder bist du jemand, der sagt: Ich besuche sie einmal, rede mit ihnen oder schreibe ihnen?

Alles davon. Sehr viele Trafikanten in ganz Österreich kennen mich dadurch, dass ich das fast 30 Jahre mache und immer irgendwo aufscheine. E-Mail, Telefon, WhatsApp, SMS usw. Wenn es Probleme gibt, wird Kontakt aufgenommen.

Sind das eher akute oder grundsätzliche Themen?

Der rund 12m2 große begehbare Humidor. © Markus Höller

Beides. Es gibt viele Trafikanten, mit denen ich immer wieder Grundsatzdiskussionen führe. Ich sehe vieles oft so wie andere Trafikanten. Nur: Ich kann nichts versprechen, was ich nicht annähernd halten kann, zum Beispiel bei der Handelsspanne. Das wäre Populismus.

Handelsspanne ist ein gutes Thema. Der Großteil des Umsatzes entsteht noch immer über Zigaretten – es wird aber weniger, weil es weniger Raucher*innen werden. Wie ist deine Einschätzung, wie sich das in den nächsten Jahren weiterentwickeln wird? Kann man mit den anderen Produkten ähnliche Spannenumsätze erzielen?

Wenn man sich das bei mir anschaut: Unter den ersten acht Produkten im Stückverkauf des Jahres 2025 sind nur mehr zwei Zigaretten. Der Rest sind Hitzetabakprodukte. Das ist schon einmal ein Schritt in eine Richtung, in die alle, die Tabakerhitzer erfunden haben, wahrscheinlich gehen wollen – und es ist die richtige Richtung. Ich bin guter Dinge, dass sich im Herbst einiges tut…

Hat sich deiner Ansicht nach das Kaufverhalten verändert? Neigen die Leute am Land eher dazu, Vorrat zu kaufen?

Weißt du, was prägend war? Die Abos von Kronen Zeitung, Kurier und so weiter. Früher ist der Kunde jeden Tag in die Trafik gegangen, um die Zeitung zu kaufen. Er hat sein Packerl Zigaretten mitgenommen, vielleicht auch noch ein Rubbellos. Dann hat die Hauszustellung angefangen und er ist nur mehr zweimal die Woche gekommen. Ich kann mich noch erinnern: Als ich 2003 in der Großfeldsiedlung begonnen habe, habe ich im Schnitt 60 bis 70 Kronen Zeitungen am Tag bekommen, als ich aufgehört habe, habe ich am Tag 20 bekommen. Und dann sind „Heute“ und die ganzen Gratiszeitungen gekommen… es hat sich alles geändert. Und trotzdem ändern wir uns mit.

Autobahnvignetten, auch ein gutes Beispiel.

Ja, auch das. Ich möchte einfach nicht, dass meine Mitarbeiter wegen irgendwelcher Disagio-Sätze diskutieren, die keiner versteht. Der Kunde versteht es nicht, der Mitarbeiter auch nicht. Und sie brauchen nicht um mein Geld diskutieren.

Bankomatgebühren sind hoch – Arbeit ist aber auch sehr teuer. Wenn der Kunde seine Karte hinhält, habe ich es am nächsten Morgen am Konto. Der Mitarbeiter kann sich nicht beim Herausgeben vertun. Er muss nicht in der Früh die Kassa machen, er muss nicht am Abend zählen. Ich muss das Geld nicht zur Bank bringen. Und wenn ich kein Bargeld habe, dann kann mir jemand, der mir eine Waffe hinhält, auch kein Geld wegnehmen. Aber das muss man sich anschauen. Es gibt Kollegen, die mit so einem System zufrieden sind und sagen: Ich trage mein Geld selbst zur Bank. Das ist auch gut.

Ich würde sagen, der typische Trafik-Kunde hat zwei, drei Trafiken. Dort, wo er wohnt, dort, wo er arbeitet, und am Weg zur Arbeit, wo es praktisch ist.

Um wieder auf das Thema Wien zurückzukommen: Ist aus deiner Sicht die Akzeptanz oder der Verkauf der neuen Produkte in Wien anders als am Land? Unterscheidet sich das, was die Trafik in Wien an Produktgruppen verkauft, von dem, was am Land verkauft wird?

In Wien beginnt es meistens. Jeder, der heute etwas vertreiben will, wird es zuerst in Wien probieren. In Oberpullendorf wird es keiner probieren. Das ist zwar eine Bezirkshauptstadt, aber das war es dann schon.

Wenn ich heute ein Produkt auf den Markt bringe, dann überlege ich: Wie geht es in Wien? Die Wege sind in Wien kurz, auch die Lieferwege. Und ich erreiche über 500 Outlets.

Eine andere Sache, die Wien vielleicht vom Land unterscheidet: Wien ist ein klassisches Touristenziel. Am Land gibt es das nur vereinzelt. Ist das Touristengeschäft in einer Wiener Trafik so maßgeblich, dass es sich von einer Trafik am Land unterscheidet?

Ja, es kommt immer darauf an, wo die Trafik in Wien ist. Beim Zentralfriedhof ist es ziemlich egal. Aber im Ersten Bezirk, auf der Mariahilfer Straße, also bei den Touristen-Hotspots ist das anders. Oder bei Bahnhöfen.

Thema Kommunikation mit den Kund*innen: In Wien hast du von der Zusammensetzung her ein internationales Publikum. Wie ist es mit der Sprachbarriere? Ist das auch ein Thema in Trafiken in Wien, sind die Mitarbeiter*innen hier mehr gefordert als in einer Trafik am Land?

Hinter den Kulissen: das System des großen Automaten. © Markus Höller

Mit Grundkenntnissen in Englisch kann man sich schon relativ weit helfen, da kommt man relativ gut durch. Grundkenntnisse in Englisch verlange ich von meinen Mitarbeitern schon.

In Wien hast du auch sehr viel Vandalismus, bei dem es lediglich darum geht, Schaden anzurichten.

Das bringen die meisten jungen Leute mittlerweile schon mit.

Ja, da kommst du gut durch. Und wie es in der Trafik üblich ist: ein bisschen mit Händen und Füßen. Interessanter wird es noch einmal beim Zigarrenverkauf. Da ist die Anforderung höher. Wien ist schon sehr speziell. Aber natürlich: In Gramatneusiedl oder Oberpullendorf kennt man jeden. Das ist aber auch relativ einfach. Wenn ich einmal weiß, was der will, dann weiß ich es. Das gibt es in Wien aber auch.

Ist es auch wieder so ein Stereotyp, dass es in Wien diese Anonymität der Bevölkerung gibt?

Nicht in der Trafik. Da gibt es Stammkunden. Ich würde sagen, der typische Trafik-Kunde hat zwei, drei Trafiken. Dort, wo er wohnt, dort, wo er arbeitet, und am Weg zur Arbeit, wo es praktisch ist.

Location, Location, Location. Ich denke, das trifft auf Trafiken noch mehr zu als auf viele andere.

Und ein Zukunftsthema, das in Wien allerdings sehr schwer umsetzbar ist: die Größe der Trafiken. In Wien ist es halt schwierig, weil man ein Geschäft nicht einfach aufblasen kann.

Und die Mieten steigen auch exponentiell.

Wenn du siehst, wie groß das Angebot ist, das wir herzeigen können, dann braucht es Platz. Seit Corona beobachte ich außerdem einen gewissen Bedarf an Abstand bei den Kunden, die wollen das.

Es werden ja tendenziell auch weniger Trafiken über die Jahre. Ist es generell ein Problem für die Branche, dass es weniger Outlets, weniger Standorte gibt? Vielleicht auch massiver als am Land, weil am Land eine Trafik meistens bleibt.

Ich möchte einfach nicht, dass meine Mitarbeiter wegen irgendwelcher Disagio-Sätze diskutieren, die keiner versteht.

Na ja, bei der Standortpolitik haben wir gemeinsam mit der Monopolverwaltung noch zu tun, damit wir nicht zu viele weiße Flecken bekommen. Ich bin immer ein Fan von Wohngegenden gewesen. Das hat man ja bei Corona sehr gut gesehen. Den Kollegen dort, wo die Leute wohnen, ist es sehr gut gegangen, weil die Leute eben daheim waren. Und dislozierte Automaten sind in Wien schwierig. Du brauchst Genehmigungen der Hausverwaltungen und diverser Magistratsabteilungen.

Das macht die Vergabe auch schwierig.

Für mich ist ganz wichtig: der Mensch mit Behinderung. Wenn ich mir mit 40 oder 45 Jahren eine Trafik kaufe, kann ich noch relativ gut arbeiten und selbst sehr viel mitmachen. Aber wir sollten bedenken, dass eine Behinderung mit zunehmendem Alter nicht besser wird. Deshalb ist für mich wichtig, dass die Trafik unbedingt einen Angestellten tragen können muss. Der Trafikant kann dann nicht, wenn er 55 oder 60 ist und die Gesundheit schlechter wird, allein im Geschäft stehen.

Da gehen ihm die Stunden aus.

Und dann kommt vielleicht noch einer und geht mir auf die Nerven: „Wieso hast denn du eine Trafik, du bist eh nicht behindert?“

Das gibt es?

Leider ja. Deshalb bin ich ein Verfechter davon: Wenn wir über Trafiken und Menschen mit Behinderungen reden, dann will ich keine Zwei-Klassen-Behinderung haben. Das heißt, der, bei dem man die Behinderung nicht sieht, gilt genauso wie der, der ein armer Teufel ist, weil er im Rollstuhl sitzt. Das muss man der Bevölkerung erklären.

Dass nicht jede Behinderung, die wirklich schwerwiegend ist, auch für andere sichtbar ist.

Genau. Und dass es mit zunehmendem Alter im Normalfall nicht besser wird. Trotzdem müssen die Trafiken funktionieren, wenn derjenige einmal zwei Wochen ausfällt und krank ist. Das muss leistbar sein. Da haben wir noch Luft nach oben. Es wird besser, aber daran müssen wir arbeiten. Denn es geht nicht nur darum, einem Behinderten einen Job zu geben und dann zu sagen: Da hast du ihn. Sondern er soll schon ein vernünftiges Leben führen können.

In Wien genau so wie am Land. Dein Fazit also?

Wir haben U-Bahnen, wir haben Radwege, die uns auf die Nerven gehen, weil sie uns Parkplätze kosten, und, und, und. Aber Wien ist auch lebenswert und schön – und auch als Trafikant lebenswert und schön. Weil man eben auch ein Potenzial hat. Theoretisch habe ich zwei Millionen mögliche Kunden. Ich bin gerne Wiener Trafikant.

Danke für das Gespräch! ■